Schlaganfalltag in Limburg zieht über 500 Besucher an

Der Schlaganfall gilt als eine der häufigsten und zugleich oftmals unterschätzten Notfallsituationen. Wie groß das Informationsbedürfnis ist, zeigte der „Aktionstag Schlaganfall“ am Samstag in der Limburger WERKStadt: Mehr als 500 Besucherinnen und Besucher ließen Blutdruck, Blutzucker oder die Halsschlagader untersuchen, informierten sich über ihr persönliches Risiko und suchten das Gespräch mit den Fachleuten.

Als Experten standen Sven Göbel, Chefarzt der Neurologie, und Dr. Patricia Schaub, Chefärztin der Gefäßchirurgie, zur Verfügung. Gemeinsam mit dem Team der Neurologie beantworteten sie den Tag über zahlreiche Fragen.

„Die Resonanz zeigt, wie groß der Bedarf an niedrigschwelliger Gesundheitsaufklärung ist“, sagt Göbel. „Viele wissen schlicht nicht, dass ein Schlaganfall meistens schmerzfrei ist. Die Symptome kommen plötzlich und dann entscheidet jede Minute über das Ausmaß der Schäden.“

Knapp 1.000 Schlaganfallpatienten im vergangenen Jahr

Die Limburger Stroke Unit spielt für die Region eine zentrale Rolle. 938 Patientinnen und Patienten wurden dort im vergangenen Jahr wegen eines Schlaganfalls behandelt. „Wir sind hier die erste Anlaufstelle“, sagt Göbel. „Und wir sehen: Die Zahl der Fälle bleibt hoch.“

Die Zertifizierung der Einheit durch die Deutsche Schlaganfallhilfe garantiert rund um die Uhr standardisierte Abläufe, schnelle Diagnostik und ein eingespieltes interdisziplinäres Team. „Ein Schlaganfall ist ein absoluter Notfall“, betont Göbel. „Pro Minute sterben bis zu zwei Millionen Nervenzellen. Je früher wir behandeln, desto mehr Gehirngewebe können wir retten.“

Nicht alle Symptome sind eindeutig

Um Warnzeichen früh zu erkennen, empfehlen Experten den FAST‑Test: Gesicht, Arme, Sprache und bei Auffälligkeiten sofort den Rettungsdienst rufen. Doch Göbel warnt vor falscher Sicherheit: „Nicht jeder Schlaganfall folgt diesem Muster. Plötzliche Sehstörungen, Schwindel, Taubheitsgefühle oder Koordinationsprobleme können ebenso Hinweise  sein. Wer unsicher ist, sollte immer die 112 wählen.“

Risikofaktoren: Vieles lässt sich beeinflussen

Beim Aktionstag informierten Neurologen und Gefäßspezialisten auch über Risikofaktoren. Einige – etwa Alter, Geschlecht oder genetische Veranlagungen – lassen sich nicht verändern. „Ab dem 55. Lebensjahr steigt das Risiko deutlich, Männer sind statistisch häufiger betroffen, und seltene Erkrankungen wie Morbus Fabry oder das CADASIL‑Syndrom erhöhen das Risiko zusätzlich,“ erläutert Göbel.

Der größere Hebel liegt jedoch bei den veränderbaren Faktoren: Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern, Diabetes, erhöhte Blutfette, Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkohol oder Drogen. „Wir können unser Risiko deutlich senken,“ sagt Göbel. „Aber auf null geht es nie.“

„Die Halsschlagader ist ein unterschätzter Risikofaktor“

„Man denkt ja immer: Mich trifft das nicht“, sagt die 62‑jährige Marianne Kronfell. „Aber wenn man die Zahlen hört, wird einem anders.“ Deshalb sei sie froh, diverse Risikotests vor Ort schnell und unkompliziert durchführen lassen zu können. Besonders gefragt war die Duplex‑Sonografie der Halsschlagader.  Dr. Mohammad Vard, Sektionsleiter der Angiologie, erklärt: „Die Halsschlagader wird oft unterschätzt. Viele Menschen haben dort Engstellen, ohne es zu wissen. Und genau diese können Schlaganfälle auslösen.“

Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten, ist schmerzfrei und für manche Besucher ein Augenöffner. „Wir hatten heute einige Befunde, bei denen wir gesagt haben: Das sollten wir uns in Ruhe in der Sprechstunde anschauen,“ so Vard.

Chefärztin Dr. Patricia Schaub ergänzt: „Gerade Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder langjährigem Nikotinkonsum profitieren von einer regelmäßigen Kontrolle. Ein fester Altersgrenzwert lässt sich nicht pauschal nennen, entscheidend ist das individuelle Risikoprofil. “

Physiotherapie simuliert den Alltag nach einem Schlaganfall

Wenige Meter weiter balancieren Besucher über einen unebenen Untergrund, manche mit Augenklappe, manche mit Gewichten. Im Gleichgewichtsparcours der Physiotherapie konnten Interessierte erleben, wie sich Einschränkungen nach einem Schlaganfall anfühlen. „Viele unterschätzen, wie komplex Gleichgewicht ist“, sagt Martina Kaltwasser, Leiterin der Physiotherapie. „Mit Augenklappe und Gewichten merken die Menschen schnell, wie herausfordernd selbst kurze Strecken werden, wenn die Sinneswahrnehmung eingeschränkt ist.“ Der 34-jährige Max Westphal bestätigt das: „Man glaubt, man schafft das locker und merkt dann plötzlich, wie unsicher man wird.“

Selbsthilfegruppe bietet Orientierung und Erfahrung aus erster Hand

Wer wissen wollte, wie sich das Leben nach einem Schlaganfall tatsächlich anfühlt, fand ein paar Schritte weiter offene Ohren. Die Selbsthilfegruppe Schlaganfall war ebenfalls vor Ort und boten Betroffenen und Angehörigen Gespräche und Informationen an. „Viele Menschen suchen nach einem Schlaganfall Halt und Austausch“, sagt Gruppenleiterin Ines Hanesch. „Wir zeigen: Man ist nicht allein und es gibt Wege zurück in den Alltag.“

Zum Ende des Aktionstags waren die Veranstalter sichtlich zufrieden. Der Andrang hatte die Erwartungen deutlich übertroffen. „Dass wir heute so viele Menschen erreichen konnten, liegt vor allem am Einsatz des Teams,“ bedankt sich Göbel bei seiner „Neuro-Familie“. „Ohne dieses Engagement wäre ein solcher Aktionstag nicht möglich.“

Schlaganfallbehandlung in Limburg

„Time is brain“: Zeit ist ein entscheidender Faktor für eine optimale Schlaganfallversorgung. Je früher adäquat auf einen Schlaganfall reagiert wird, desto besser erholt sich der Patient in der Regel. Die Chance, einen Schlaganfall zu überleben und keine Behinderungen davon zu tragen erhöht sich durch die Behandlung in einer Stroke Unit um 25 Prozent.