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Vor 50 Jahren begann die Arbeit der künstlichen Niere in Limburg

Viele Menschen in der Region, die an chronischem Nierenversagen leiden, können dank einer Dialysebehandlung weiterleben und ein hohes Maß an Lebensqualität behalten. Am 5. Dezember ist es 50 Jahre her, dass im St. Vincenz-Krankenhaus die erste „künstliche Niere“ in Betrieb genommen wurde. Diese Neuerung, die heute als selbstverständlich betrachtet wird, wurde 1969 als großer Fortschritt gefeiert und zeigt, wie die medizinische Versorgung hierzulande den sich wandelnden Möglichkeiten einer optimalen Patientenversorgung angepasst wird.

Dieses Foto aus dem Jahr 1979 zeigt das die einst aufwendige Dialysetechnik mit dem Hämofiltrationsgerät. Repro-Foto: Dieter Fluck

Vom Team der Dialyse-Abteilung sind auf diesem Foto zu sehen, von links die Schwestern Birgit Hackethal, Bianka Hennen, Marion Distel, Chefarzt Dr. Stephan Walter, Schwester Petra Langer (Stationsleiterin), Dr. Brigitte Boss (Leitende Oberärztin) und Dr. Jessica Yilmaz (Funktionsoberärztin).

Blick in die modern eingerichtete Dialyse-Abteilung mit einem kompakten Dialysegerät.

Die Einführung der lebensrettenden Hämodialyse in Limburg, im Volksmund auch Blutwäsche genannt, geht zurück auf Dr. Paul Becker, den damaligen Chefarzt der Medizinischen Klinik, und Landrat Heinz Wolf, der als damaliger Vorsitzender des Verwaltungsrats den Anstoß gab.

Für das St. Vincenz war die so genannte Blutwäsche Ende der 1960-er Jahre medizinisches Neuland, das alsbald zu einer Erfolgsgeschichte werden sollte, die das Krankenhaus bereits nach zehn Jahren in einer Festschrift dokumentierte. Für die beauftragten Ärzte bedurfte es einer vorbereitenden Zusatzausbildung für die Hämodialyse-Behandlung, die dank des jahrelang gepflegten engen Kontakts mit der Nephrologischen Abteilung der medizinischen Universitätsklinik in Gießen absolviert werden konnte.

Nicht nur theoretische Grundlagen mussten erarbeitet werden, vielmehr war auch eine praktische Einübung der therapeutischen Maßnahmen unerlässlich. Um sich in Gießen in die Alltagspraxis einzuüben, wurde ein Patient aus Montabaur ausgewählt, der später unter Überwachung der Uniklinik in die eigene Therapie in Limburg  übernommen wurde.

Im Gegensatz zu den vergleichsweise komfortablen Voraussetzungen in Gießen mussten sich die Limburger Pioniere mit einem einzigen Behandlungsplatz begnügen. Als Raum hierfür wurde auf der vorhandenen Männerstation im Erdgeschoss ein als Badezimmer genutzter Raum umfunktioniert. Ein kleiner, zwei Quadratmeter großer Beobachtungsstand wurde als Arbeitsplatz abgetrennt.

Am 5. Dezember 1969 war es dann so weit, als morgens um 8 Uhr unter helfender Anwesenheit eines Gießener Facharztes die erste Behandlung nach acht Stunden zum Abschluss gebracht wurde. Fernsehen und Presse berichteten von diesem Ereignis, von dem Dr. Paul Becker nach zehn Jahren bilanzierte, „dass es zu einer der größten Selbstverständlichkeiten geworden ist“. In den verbliebenen Dezemberwochen wurden insgesamt acht Behandlungen absolviert; im Januar 1970 kam eine zweite Patientin hinzu.

Von nun an nahm diese Möglichkeit der Behandlung eine furiose Weiterentwicklung. Bereits zehn Jahre nach ihrer Eröffnung bedurfte die Dialyseeinheit der räumlichen Erweiterung, verzeichnete die Abteilung jährlich weit über 4.000 Behandlungen, die unter ärztlicher Aufsicht von acht Schwestern, zwei Pflegern und einer Pflegehelferin ausgeführt wurden. 

Mit der Leitung der Hämodialyse wurde der Internist Dr. Hans-Peter Luboeinski beauftragt, der eine nephrologische Ausbildung in Gießen und Siegen absolvierte. Zeitgleich wurde in Limburg ein Dialysezentrum mit weiteren Plätzen errichtet.

Wegen des weiter steigenden Bedarfs beschloss der Verwaltungsrat 1984 die Einrichtung einer Nephrologischen Abteilung, zu deren Leiter der von der Universität Göttingen kommende Prof. Joachim Girndt berufen wurde. Zwei Jahre später wurde sie selbständige Hauptabteilung. Dr. Luboeinski und Prof. Girndt behandelten neben ihrer Krankenhaustätigkeit auch die ambulanten Patienten im Blumenröder Dialysezentrum.

Seit 2004 leitet nunmehr Dr. Stephan Walter die Abteilung, ihm war es 1995 noch als Oberarzt gelungen, die Betten der bislang über das Haus verstreuten Abteilung zusammenzuführen. 1997 konnte die für 1,26 Millionen Mark neu erbaute Dialysestation des Krankenhauses eröffnet werden. Infolge des weiter ansteigenden Bedarfs reichten die elf Plätze schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus, so dass sie zunächst um drei Behandlungsplätze, vor allem auch für die Isolierung infektiöser Patienten, erweitert wurden. 2008 wurden erstmals deutlich mehr als 7.000 Behandlungen durchgeführt.

Dr. Walter berichtet: „Während es in den Pionierjahren der Dialyse meist durch immunologische oder angeborene Nierenerkrankungen zum Nierenversagen bei meist jüngeren Patienten kam, stehen jetzt mehrheitlich degenerative Nierenerkrankungen im Vordergrund. Sie sind die Folge von Diabetes, Hochdruck und Übergewicht, aber auch von schweren Herzerkrankungen bei Patienten, die durch die moderne Kardiologie und Diabetologie überhaupt erst das Dialysestadium erreichen.“

Heute verfügt die Abteilung für Nephrologie und Hypertensiologie im sechsten Stock des St. Vincenz über 18 Betten für stationäre Behandlungen sowie über 16 Dialyseplätze, zum Teil mit Isoliermöglichkeiten für infektiöse Patienten, die über Monitore überwacht werden. Die Abteilung führt jährlich etwa  6.500 Dialysebehandlungen, auch auf den Intensivstationen des Krankenhauses, durch. Die Wasseraufbereitungsanlage muss für die 16 Dialyseplätze pro Arbeitstag bis zu 6.000 Liter Reinwasser liefern. Neben der Krankenhausdialyse werden jährlich etwa 200 Dialysepatienten im neu eröffneten Limburger Nierenzentrum „Im großen Rohr“, in Weilburg und Bad Camberg behandelt.