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Visite im Vincenz - Dialog in Diez: Die Angst vor Tuberkulose – berechtigt oder Panik?

Die Tuberkulose, kurz Tbc genannt, ist die bakterielle Infektionskrankheit mit den weltweit meisten Erkrankungs- und Todesfällen. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem Erreger, dem Mycobacterium tuberculosis, infiziert. 95 Prozent der Infizierten leben in Entwicklungsländern. Besonders hoch ist die Erkrankungsrate in den Ländern im mittleren und südlichen Afrika und in Südostasien. Weltweit sind 20 Millionen Menschen an aktiver Tuberkulose erkrankt. Jährlich sind neun Millionen Neuerkrankungen und zwei Millionen Todesfälle zu verzeichnen. 500 000 dieser Todesfälle betreffen mit HIV Ko-Infizierte. Über „Tuberkulose – die wieder aufgelebte Krankheit“ sprach Dr. Gunther Rexroth, Chefarzt für Innere Medizin, am St. Vincenz-Krankenhaus Diez, im Rahmen der Vortragsreihe „Visite im Vincenz“.

Stellte in allgemeinverständlicher Form die heutigen Kenntnisse über die seit 3000 v.Chr. bekannte Krankheit dar: Dr. Gunther Rexroth, Chefarzt Innere Medizin am St. Vincenz-Krankenhaus Diez, informierte über die Übertragung, die Symptome, die Diagnostik und die Therapie der Tuberkulose.

In Deutschland konnte Tbc nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend zurückgedrängt werden: durch eine gesunde Ernährung, hygienische Standards und eine gute gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung. Dennoch: Ausgerottet war sie nie. „In den letzten Jahren ist die Zahl der Neuerkrankungen auch hier bei uns wieder gestiegen“, berichtete der Mediziner. 2014 gab es 4488 Neuerkrankungen, rund 60 Prozent dieser Patienten hatten eine offene Lungentuberkulose. Zwischen 80 und 100 Betroffene sterben hierzulande jedes Jahr daran. Am größten sei das Risiko in Ballungszentren. Rund zwei Drittel der in Deutschland auftretenden Fälle betreffen Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind. Das Problem: Ein Erkrankter steckt pro Jahr zehn bis 15 Menschen an. Und: Auch wer gegen Tbc geimpft wurde, wähnt sich in einer falschen Sicherheit. Einen generell wirksamen Schutz vor Ansteckung gibt es derzeit nicht. 

Der Übertragungsweg

Die Ansteckung mit Tuberkulose wird beeinflusst durch verschiedene Faktoren. Schon etwa zehn Mykobakterien reichen, um sich mit Tbc zu infizieren. Außerdem spielen die Virulenz, also die Infektionskraft, des Erregers eine Rolle, die genetische Disposition des Betroffenen, die Kompetenz des erworbenen Immunsystems und weitere bereits bestehende Erkrankungen sowie Tabak- und übermäßiger Alkoholkonsum.

Am häufigsten kommt die Lungen-Tbc vor. Sie macht mehr als 90 Prozent aller Fälle aus. Übertragen werde der Erreger meistens durch ausgehustete Tröpfchen, die inhaliert werden. Tuberkelbakterien seien äußerst widerstandsfähig, gegen Säure, Trockenheit und Hitze resistent. Sie könnten unbeschadet den Magen passieren und sich im Magen-Darm-Trakt vermehren. Auch durch nicht pasteurisierte Milch von infizierten Kühen sei eine Ansteckung mit der sogenannten Rinder-Tbc möglich, die in erster Linie zu einer Darmtuberkulose führt. Vom Verzehr von Rohmilch riet Dr. Gunther Rexroth deshalb vorsichtshalber ab. In den infizierten Organen führten die Tuberkel-Bakterien zu mikroskopisch spezifischen Entzündungen. In diesen Entzündungsherden können Mycobakterien jahrzehntelang überleben.

Der Infektionsweg

Die erste Infektion führt zu einem tuberkulösen Primärkomplex, der in der Lunge aus einem kleinen Lungenentzündungsherd, meist einer umschriebenen Rippenfellentzündung und einer regionären Lymphdrüsenentzündung besteht. Bei Infektion mit Mycobacterium bovis, der Rinder-Tbc, besteht der tuberkulöse Primärkomplex aus einem Entzündungsherd in der Dünndarmschleimhaut und einer Lymphdrüsenentzündung in der Darmwurzel. „Von alledem merkt man normalerweise nichts“, so der Mediziner.

Der immunkompetente Mensch kann die Entzündung unter Kontrolle bringen, die Herde werden abgekapselt und verkalken später. Im Verlauf der Primärinfektion können auf dem Blutweg auch Streuherde in peripheren Organen, beispielsweise in den Nieren, im Skelett, aber auch im Gehirn entstehen, die synchron mit dem Primärkomplex abgekapselt werden und verkalken. „Die darin befindlichen Mycobakterien können jedoch noch Jahrzehnte überleben“, so Rexroth, „und darauf gründet sich das Risiko eines späteren Wiederauflebens der Infektion".

Unter einer latenten tuberkulösen Infektion verstehe man den Zustand nach der primären Infektion mit der Folge des Fortbestehens, des Schlummerns, vitaler Bakterien im Organismus ohne Organbefund, also ohne Erkrankung. Etwa zwei Milliarden Menschen auf der Erde weisen eine latente Tuberkulose auf. Nahezu alle Neuinfektionen mit Tuberkuloseerregern mündeten zunächst in die symptomfreie Phase. 80 bis 95 Prozent der Tuberkuloseinfektionen blieben auch latent und führten nie zu einer aktiven Tuberkulose. Etwa fünf Prozent gingen innerhalb von ein bis zwei Jahren, weitere fünf Prozent später, also nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten, in eine aktive Tuberkulose über. Kinder und Immungeschwächte, insbesondere HIV-Infizierte, haben ein erhöhtes Risiko, eine aktive Erkrankung zu entwickeln.

Tuberkulosen der Primärinfektionsperiode sind Erkrankungen, die in einem unmittelbaren formalen und zeitlichen Zusammenhang mit der Primärinfektion stehen. Sie treten vor allem bei einer schlechten Abwehr des Infizierten auf. Rexroth schilderte, wie die Erkrankung fortschreiten und sich über den Körper ausbreiten kann. Auch eine frühe Generalisation durch Streuung auf dem Blutweg sei möglich. Im ungünstigsten Falle könne die Erkrankung in Form einer Sepsis in wenigen Tagen tödlich enden.

Die Tuberkulosen der Postprimärperiode sind die chronischen Organtuberkulosen des Erwachsenen, die durch Wiederaufblühen von Streuherden aus der Primärinfektionsperiode entstehen. Sie bleiben in der Regel auf ein Organ oder ein Organsystem beschränkt. Nur ausnahmsweise kommen Spätgeneralisationen vor. Die Organtuberkulosen führen über viele Jahre zu einer allmählichen Funktionseinschränkung und Zerstörung der befallenen Organe.

Symtome, Diagnostik & Therapie

Die Primärinfektion äußert sich meist wie eine leichte Grippe: Mäßiges Fieber ist das Leitsymptom, ein Drittel der Infizierten hat Husten und Auswurf, selten kommt es zu Gelenkschmerzen und Müdigkeit. Kaum jemand kommt dabei auf die Idee, dass er sich gerade mit dem Erreger von Tuberkulose auseinandersetzt. Bei einer reaktivierten Infektion leiden die Betroffenen unter morgendlichem Husten mit Auswurf, Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber und Nachtschweiß, Atembeschwerden, eventuell Thoraxschmerzen.

Die klinische Untersuchung sei bei der Primärinfektion jedoch meist unauffällig, so Rexroth. Für eine Tuberkulose typische Laborbefunde gibt es nicht. Während einer latenten Tuberkuloseinfektion sei der direkte Erregernachweis nicht möglich. Die Infektion lasse sich aber anhand der durch sie hervorgerufenen Immunantwort etwa acht Wochen nach der Ansteckung mittels Hauttest oder Blutuntersuchung nachweisen. Fehlen Hinweise auf eine aktive Tuberkulose, ist von einer latenten Tuberkuloseinfektion auszugehen. In diesem Fall kann abgewartet oder eine präventive medikamentöse Therapie angeboten werden. Ergibt sich auf dem Röntgenbild jedoch ein tuberkuloseverdächtiger Befund, sind weitere diagnostische Maßnahmen wie z.B. die Bronchoskopie erforderlich.

In der medikamentösen Therapie werden Antibiotika in vierfacher Kombination eingesetzt, deren Einnahme unbedingt in Umfang und Dauer nach ärztlicher Verordnung erfolgen muss, um den Erreger wirksam zu bekämpfen und die Entstehung von Resistenzen zu verhindern. Insbesondere die Entwicklung von Resistenzen sei ein Problem: Erkrankten fehle oftmals nach Abklingen der Symptome die Motivation und Einsicht, die Medikamente bis zum vorgesehenen Therapieende weiter einzunehmen. Eine weitere Ursache seien inadäquat behandelte Patienten, die bei früheren Erkrankungsfällen aus verschiedenen Gründen nicht durchgehend oder nach inkorrekten Behandlungsschemata therapiert wurden. In Deutschland wird die Therapie durch die Gesundheitsämter überwacht. 

Impfung

„Der einzige derzeit zugelassene Impfstoff gegen Tbc ist der BCG-Impfstoff“, sagte Dr. Gunther Rexroth. Er wurde 1921 erstmals für die Impfung eines Kindes benutzt und seitdem an vier Milliarden Kindern angewandt. Er ist damit der am häufigsten benutzte Impfstoff weltweit. Nachgewiesen ist seine Wirksamkeit zur Verhinderung von Tbc im Kindesalter und von schweren Verläufen. Allerdings halte der Impfschutz nur etwa zehn Jahre an. Die Lungentuberkulose des Erwachsenen werde durch eine Impfung im Kindesalter nicht sicher verhindert. Seit Ende der 90-er Jahre sieht das Robert-Koch-Institut aus diesen und weiteren Gründen von einer allgemeinen Impfempfehlung ab. Derzeit werden elf neue Impfstoffe in klinischen Studien untersucht, deren Zulassung jedoch nicht in naher Zukunft zu erwarten sei.