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Gehtraining – die beste Therapie in jeder Phase der Schaufensterkrankheit

Über Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten bei der Schaufensterkrankheit informierten Dr. Patricia Schaub und Dr. Reimund Prokein.

Zahlreiche Besucher waren gekommen, um sich zu informieren.

Dr. Patricia Schaub, Chefärztin der Klinik für Gefäßchirurgie am St. Vincenz-Krankenhaus Limburg.

Dr. Reimund Prokein, Leitender Arzt der Sektion Angiologie am St. Vincenz-Krankenhaus Limburg.

Schmerzen beim Gehen sind ein ernst zu nehmendes Alarmzeichen, das untersucht werden sollte, denn es könnte sich um die so genannte Schaufensterkrankheit handeln. Die Schaufensterkrankheit ist eine Durchblutungsstörung der Becken- und Beingefäße, die die Betroffenen zum Stehenbleiben zwingt. Der medizinische Begriff dafür lautet periphere arterielle Verschlusskrankheit, abgekürzt pAVK. PAVK-Patienten sind Hochrisikopatienten. Die pAVK ist DIE Markererkrankung für eine hohe Erkrankungs- und Todesrate an Herz-Kreislauferkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Todesursache im Verlauf der pAVK sind die genannten kardiovaskulären Ereignisse. Ihre harmlos klingende, volkstümliche Bezeichnung hat die Erkrankung erhalten, weil die Betroffenen wegen der Schmerzen beim Gehen häufig stehen bleiben, gern auch weniger auffällig vor Schaufenstern… Über Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten informierten im Rahmen der Vortragsreihe des St. Vincenz-Krankenhauses „Visite im Vincenz“ zwei Experten für Gefäße: Dr. Patricia Schaub, Chefärztin der Klinik für Gefäßchirurgie, und Dr. Reimund Prokein, Leitender Arzt der Sektion Angiologie. Titel ihres Vortrags: „Ballondilatation und Gefäßtraining - Gegensätze in der Behandlung der Schaufensterkrankheit?“  

Wie entsteht die Schaufensterkrankheit?

Die Schaufensterkrankheit ist eine chronische Durchblutungsstörung in den Becken- und Beinarterien mit Einschränkung der schmerzfreien Wegstrecke durch Engstellen oder Verschlüsse der versorgenden Arterien, in denen sich verschiedene Zellablagerungen ansammeln. „Mehr als fünf Millionen Deutsche leiden unter dieser Erkrankung. Den höchsten Einfluss hat das Rauchen“, sagte Dr. Reimund Prokein. „Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter. Rund 30 Prozent der Patienten versterben innerhalb von fünf Jahren nach Diagnosestellung an Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.“ Ursache für die periphere arterielle Verschlusskrankheit sei die Arteriosklerose. Als solche bezeichnet man Gefäßveränderungen, die mit zunehmendem Alter insbesondere durch eine ungesunde Lebensführung entstehen. Als Folge des Rauchens, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel, aber auch durch Erkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes lagerten sich Cholesterinkristalle und Kalk, so genannte Plaques, in den Gefäßen ab und verengen sie. Dies machten die beiden Mediziner anhand zahlreicher Bilder anschaulich. Brechen diese Plaques auf, können sich Gerinnsel bilden, die letztlich zum Gefäßverschluss führen - mit gefährlichen Folgen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Verschluss einer Beinarterie. Durchblutungsstörungen könnten lange Zeit symptomlos verlaufen, weil Umgehungskreisläufe bestehen, so Prokein. Anfangs komme es zu belastungsabhängigen Schmerzen, die schmerzfreie Wegstrecke verkürze sich zunehmend. Typischerweise ließen sich die Beschwerden reproduzieren, der Schmerz sei unterhalb der Verschlussstelle lokalisierbar. Im fortgeschrittenen Stadium träten Ruheschmerzen in Horizontallage auf, die sich besserten, wenn der Fuß runterhängt. Bei einem entsprechenden Verdacht sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen. Die Diagnosestellung erfolgt stufenweise gemäß Leitlinien: zunächst durch Puls- und Blutdruckmessungen an Armen und Füßen. Erst, wenn sich dies nicht als ausreichend erweist, werden weitere, bildgebende Verfahren angewendet.  

Gehtraining

In der Therapie werde gemäß den Leitlinien Gehtraining empfohlen und zwar in jeder Phase der Erkrankung, denn der Körper sei in der Lage, durch Training neue Gefäße auszubilden, die die Engstelle überbrücken. „Damit ist nicht Gassigehen gemeint“, stellte der Angiologe klar, „sondern ein strukturiertes Gehtraining unter Aufsicht und regelmäßiger Anleitung: mindestens dreimal wöchentlich für 30 bis 60 Minuten über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten hinweg.“ Darüber hinaus sei natürlich jede Form von zusätzlicher Eigeninitiative hilfreich. Wenn ein Patient beispielsweise 200 Meter schmerzfrei gehen könne, empfahl Prokein, nach 100 Metern flotten Schrittes eine kurze Pause einzulegen, wieder 100 Meter zu gehen, zu pausieren und so zu trainieren: drei bis viermal pro Woche jeweils 30 bis 60 Minuten, am besten in einer Gefäßsportgruppe. Man müsse nicht in den Schmerz hinein gehen, es schade jedoch auch nicht. „Es gibt Betroffen, die können über den Schmerz hinweg gehen, aber das kann nicht jeder.“ Unbedingt erforderlich ist zudem eine lebenslange medikamentöse Therapie zur Verbesserung der Durchblutung und der Cholesterinsenkung.

Mit der Fräse durch Gefäße

„Erst wenn das Gehtraining unmöglich, wenig erfolgversprechend oder erfolglos ist, kann bei geeigneter Gefäßläsion ein invasiver Eingriff angeboten werden“, sagte Patricia Schaub, „und auch dann nur, wenn eine Verbesserung der Lebensqualität zu erwarten ist.“ Insbesondere sei dies der Fall bei Patienten, die aus beruflichen Gründen nicht warten können, beispielsweise bei Lagerarbeitern oder Paketzustellern. „Im Stadium der lediglich verkürzten Wegstrecke gibt es keine medizinische Indikation für eine Operation.“ Dies sei erst der Fall, wenn das Gehtraining erfolglos war, bei Ruheschmerzen und offenen Stellen. Gleichwohl sei die Entscheidung für einen invasiven Eingriff eine individuelle Entscheidung, die von den Lebensumständen abhängt. Insofern spiele der Wunsch des Patienten schon eine große Rolle. Dabei stellte die Chefärztin verschiedene Eingriffe vor, insbesondere für den häufig vorkommenden Fall, dass sich die Verschlussstelle im Oberschenkel befindet.
„Der Gefäßverschluss“, so Schaub, „liegt immer eine Etage oberhalb vom Schmerz. Wenn die Wade weh tut, ist der Gefäßverschluss am Oberschenkel.“ Im Folgenden schilderte sie insbesondere verschiedene minimalinvasive, endovaskuläre Methoden. Dabei erfolgt der Zugang mittels Punktion von der Leiste ausgehend zur Engstelle innerhalb des Gefäßes. Der Vorteil: Diese Methode ist deutlich geringer invasiv, man sieht hinterher fast nichts mehr und der Krankenhausaufenthalt ist kürzer – und das alles bei einer hohen Beinerhaltungsrate. Außerdem könne der Chirurg über eine solche Punktion, sofern dies notwendig würde, wieder in das Gefäß hineingehen und die Möglichkeit, zu einer offenen Operationsweise überzugehen, bleibe jederzeit erhalten. Insgesamt laute der endovaskuläre Trend in der Therapie von Gefäßläsionen heute „Leave nothing behind“. Auf Deutsch bedeute dies – natürlich abhängig von den jeweiligen Umständen - so wenig Fremdmaterial wie möglich im Körper des Patienten zu hinterlassen, also auch weniger oder wenigstens kürzere Stents. So sehe der Behandlungspfad nach neuesten Erkenntnissen folgende Vorgehensweise vor: Zunächst werde die Gefäßverengung aufgedehnt mit einem normalen Ballon. Im Rahmen einer intraoperativen Nachkontrolle mittels Kontrastmittel werde das Ergebnis begutachtet. Ist das Ergebnis befriedigend, werde ein medikamentenbeschichteter Ballon in das Gefäß eingeführt und aufgedehnt, um das Ergebnis zu sichern. „Ist das Ergebnis der Aufdehnung jedoch unzureichend, bringt der Ballon alleine nichts mehr“, so Schaub. Dann gebe es zwei Wege: Es muss ein individuell ausgewählter Stent gesetzt werden, oder – insbesondere bei kompletten Gefäßverschlüssen – der Chirurg arbeitet sich mit einer Fräse durch das Gefäß, diese Methode nennt man Atherektomie, und sichert das Ergebnis mit einem Ballon und Stent. Welche der möglichen Optionen im Einzelfall notwendig und sinnvoll ist, entscheidet der Chirurg während des Eingriffs in Abhängigkeit der Umstände, die er vorfindet. Die besseren Ergebnisse insgesamt beobachte man derzeit bei Eingriffen mittels Fräse. Diese Methode wird auch im St. Vincenz-Krankenhaus erfolgreich angeboten.  
Bei Verdacht auf eine solche Durchblutungsstörung sollten sich Betroffene an ihren Hausarzt wenden und können einen Termin vereinbaren unter (0 64 31) 2 92-44 11, Sekretariat der Gefäßchirurgie, oder (06431) 2 92- 42 97, MVZ Gesundheitszentrum St. Anna, Zweigstelle Limburg, Angiologie.