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Das Neueste in Sachen Brustkrebs: „Es gibt nur individuelle Lösungen“ - Dr. Marina Guilherme, die neue Koordinatorin des Brustzentrums St. Vincenz, und Pathologe Dr. Christian Gustmann informierten bei Brustkrebs bewegt

Patientenveranstaltungen bieten Betroffenen und Angehörigen die Möglichkeit, sich umfassend über die verschiedensten Aspekte einer Erkrankung zu informieren – so differenziert und ausführlich, dass es den Rahmen der Sprechstunde sprengen würden. Zudem fallen nicht wenige Fragen den Patienten oft auch erst hinterher ein. Daher bietet auch das Brustzentrum St. Vincenz unter dem Titel „Brustkrebs bewegt“ mehrmals im Jahr Vorträge zu den verschiedensten Themen an. Die neuesten Erkenntnisse in Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Brustkrebs stellte jetzt Dr. Marina Guilherme, Oberärztin der Frauenklinik und neue Koordinatorin des Brustzentrums vor. Ihr Thema: „Vom Mammographiescreening bis zur Therapie“. Dr. Christian Gustmann vom MVZ Überregionale Gemeinschaftspraxis, Institut für Pathologie, Zytologie und Molekularpathologie am St. Vincenz sprach über „Das Mammakarzinom aus der Sicht des Pathologen“. Anschließend lud er die Teilnehmerinnen ein zu einer Besichtigung der neuen Institutsräume im gerade fertiggestellten Talbau.

Dr. Christian Gustmann zeigte den Teilnehmerinnen die neuen Räumlichkeiten des Instituts für Pathologie, Zytologie und Molekularpathologie am St. Vincenz-Krankenhaus in Limburg im gerade fertiggestellten Talbau und beantwortete ihre Fragen.

Wo und wie werden die verschiedenen Proben aufbereitet, bearbeitet und aufbewahrt – Dr. Gustmann erläutert ebenso anschaulich wie differenziert die verschiedenen Arbeitsprozesse im pathologischen Institut.

Vom Verdacht zur Diagnose

69 220 Frauen und 650 Männer erhielten 2014 Brustkrebs als Erstdiagnose und fast 30 Prozent der Patientinnen seien jünger als 55 Jahre alt, sagte Dr. Marina Guilherme. Diagnostik, Behandlung und Beratung von Frauen mit erhöhter familiärer Belastung rückten heutzutage immer mehr in den Fokus der Vorsorge.

Am Anfang stehe immer eine Auffälligkeit, die entweder im Rahmen des Mammographiescreenings, bei der Selbstuntersuchung, beim Haus- oder beim Frauenarzt festgestellt werde. Dann erfolge zunächst eine Überweisung zum Radiologen, der mittels Mammographie und ggf. auch durch Ultraschall versuche, den Verdacht weiter abzuklären.  Werde diese Auffälligkeit im Rahmen des Mammographiescreenings entdeckt, geschehe dies üblicherweise in einer mobilen Screeningeinheit. Bei Auffälligkeiten werde man zur weiteren Abklärung in ein Mammographiescreeningzentrum eingeladen, beispielsweise nach Wiesbaden, wo dann weitere Röntgenaufnahmen, Ultraschall und/oder Probeentnahmen erfolgen. Erhalte man nach dem Screening eine solche Einladung bedeute dies nicht automatisch, dass ein Tumor oder eine Tumorvorstufe gefunden wurde. Vielmehr würden Frauen angeschrieben, bei denen die Bilder keine eindeutigen Befunde zulassen, so dass diese weiter abzuklären sind. Im Falle eines bösartigen Befundes werde die weitere Behandlung in einem Brustzentrum nach Wahl der Patientin durchgeführt. Bei der Auswahl des Brustzentrums sollten Patientinnen darauf achten, dass sie sich an ein von der deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Zentrum wenden. Hier erfolgt die Behandlung immer anhand der neuesten Leitlinien.

In der Brustsprechstunde werde sodann eine Anamnese erhoben, Symptome, Beschwerden und die Vorgeschichte besprochen, mittels Tast- und Ultraschalluntersuchung sowie einer Biopsie – so bezeichnet man die Probeentnahme – der Befund abgeklärt. Die im Rahmen der Biopsie entnommene Gewebeprobe werde durch einen Pathologen untersucht. Dabei werden insbesondere Ausdehnung, pathologischer Tumortyp, Differenzierungsgrad, Hormonrezeptorstatus sowie der Her2neu-Status ermittelt. Neu sei hier die CT-Untersuchung von Lunge und Leber. Die vormals durchgeführten Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen entfielen dadurch. Je nach Diagnose und Behandlungswunsch der Patientin werde dann ein Therapieplan erstellt.

Welche Therapie ist die richtige?

Ausschlaggebend für die Behandlung sei, welche Therapieschritte erforderlich sind und was das Wichtigste für die Patientin ist. Die Therapie des Mammakarzinoms stehe auf mehreren Säulen, so Dr. Marina Guilherme: Operation, Chemo-, Strahlen-, Antihormon- und Antikörpertherapie. Inzwischen stünden auch etliche neue Substanzen zur Verfügung, die in der Therapie relevant seien. „Es gibt nicht die beste Lösung,“ so die Medizinerin, „es gibt nur individuelle Lösungen.“

Bei der Entfernung der Lymphknoten gehe man heute wesentlich zurückhaltender vor als noch vor ein paar Jahren. Die Beseitigung zahlreicher Lymphknoten habe oft langfristige Auswirkungen für die Betroffenen, unter anderem, dass die Lymphflüssigkeit nicht mehr hinreichend abfließen und dies zu Schmerzen und Schwellungen führen kann. Auch in der Strahlentherapie verfahre man je nach Eigenschaften des Tumors heute wesentlich zurückhaltender als früher, insbesondere bei der Behandlung von Krebsvorstufen. Bei einer brusterhaltenden Operation eines invasiven Tumors werde allerdings immer bestrahlt. Empfohlen werde dies auch bei Brustentfernung aufgrund eines großen Tumors, bei ausgeprägtem Lymphknotenbefall sowie bei Brustentfernung bei entzündlichem Brustkrebs. Auch Teilbrustbestrahlungskonzepte und Hypofraktionierung würden eingesetzt, abhängig vom Risikoprofil des Tumors. Letzteres führe zur Verkürzung der Therapiedauer. Die einzelne Bestrahlungsdauer betrage immer nur wenige Minuten.

In der medikamentösen Therapie verwies die Medizinerin darauf, dass immer mehr Rezeptoren entdeckt würden, so dass immer mehr wirksame Medikamente zur Verfügung stünden. Zwei Drittel aller Brustkrebstumore wachsen hormonabhängig, erklärte die Medizinerin. Als effektiv erweise sich hierbei die Antihormontherapie. Nach wie vor sei Tamoxifen das Rückgrat der Brustkrebstherapie. Die Dauer der medikamentösen Therapie betrage im Standard fünf Jahre, bei Risikofällen tendiere man dagegen zu einer Therapiedauer von zehn Jahren. Postmenopausale Patientinnen sollten zudem für zwei bis drei Jahre einen Aromatasehemmer einnehmen. Etwa 20 Prozent aller Brustkrebstumore seien „Her2-positiv“, so Dr. Marina Guilherme. Das heißt, sie zeigen eine „Überexpression“ eines bestimmten Wachstumsfaktors auf der Tumorzelle, des Her2neu-Rezeptors. Herceptin in Form von Trastuzumab blockiere als künstlicher Antikörper diesen Rezeptor. Diese Antikörpertherapie sei ausschließlich in Kombination mit zytostatischer Chemotherapie zugelassen und dauert  über ein Jahr.

Und was kann man selber tun?

Sowohl für die Prophylaxe als auch als ergänzende Therapiemöglichkeiten empfahl die Medizinerin einen gesunden Lebensstil: moderate körperliche Aktivitäten, Entspannungstechniken, eine gesunde Ernährung, Musik- und Kunsttherapie – kurz alles, was die eigenen Kräfte stärkt und hilft, neue Kraftquellen zu entdecken. Und last but not least: Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen.

Die Sicht des Pathologen

Einen Blick hinter die Kulissen einer medizinischen Spezialdisziplin gewährte Dr. Christian Gustmann, Facharzt für Pathologie. Gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Martin Anlauf und seiner Kollegin Rebecca Eschmann leitet er das Team des MVZ Überregionale Gemeinschaftspraxis, Institut für Pathologie, Zytologie und Molekularpathologie, welches dem St. Vincenz angegliedert ist. Das Thema seines Vortrags: „Das Mammakarzinom aus der Sicht des Pathologen“. In jedem Menschen treten tagtäglich Tumorzellen auf. Normalerweise würden sie vom Körper erkannt und eliminiert. „Aber so wie mit zunehmendem Alter die Leistungsfähigkeit abnimmt, funktionieren auch die Reparatursysteme nicht mehr wie in jungen Jahren. Deshalb kommt Krebs im Alter auch häufiger vor.“ Bei Verdacht auf Brustkrebs entnimmt der Gynäkologe mit einer feinen Nadel Gewebe aus dem verdächtigen Areal und sendet dieses für die notwendigen Untersuchungen in das Institut für Pathologie. Der Pathologe ermittle durch seine Analyse, ob der Tumor gut- oder bösartig ist und nehme eine entsprechende Klassifikation vor, anhand derer Mediziner erkennen können, von welcher Art Tumor ein Patient betroffen ist. Bei einer Vielzahl von bösartigen Geschwülsten sei auch die Untersuchung der zusätzlich entfernten, dem Tumor benachbarten Lymphknoten besonders wichtig um zu klären, ob auch dort schon Tumorabsiedlungen, das heißt Metastasen, nachzuweisen sind.

Anhand von Bildern, auf denen verschiedenartige Gewebeproben dargestellt waren, machte der Mediziner anschaulich, was Fibroadenom, Bluterguss, Mastopathie und Brustkrebs sind und wie sie sowohl makroskopisch als auch mikroskopisch aussehen. Dabei schilderte er auch, woran sich im Mikroskop erkennen lässt, ob und wie bösartig ein Tumor ist. Eine Faustregel sei beispielsweise: „Je dunkler der Zellkern ist, um so mehr entartet ist die Zelle“, sagte er. Bei bösartigen Tumoren seien weitere Untersuchungen nötig. Unter anderem würde das Karzinom auch dahingehend analysiert, ob dessen Zellen therapierelevante Rezeptoren im Zellkern oder an der Zelloberfläche aufweisen (Östrogen-, Progesteron- und/oder Wachstumsfaktor). In interdisziplinären Tumorkonferenzen besprechen dann Radiologen, Onkologen, Pathologen, Strahlentherapeuten und Gynäkologen die Ergebnisse der Untersuchungen und legen eine entsprechende individuelle Therapie für jede Patientin fest.

Im Anschluss an die Vorträge folgten die Teilnehmerinnen der Einladung zur Besichtigung der gerade frisch bezogenen Räumlichkeiten des Instituts für Pathologie. Dr. Christian Gustmann führte durch die verschiedenen Labore und erläuterte die Arbeitsschritte und die Funktionsweise der Geräte.

Wo und wie werden die verschiedenen Proben aufbereitet, bearbeitet und aufbewahrt – Dr. Gustmann erläutert ebenso anschaulich wie differenziert die verschiedenen Arbeitsprozesse im pathologischen Institut. Anschaulich schilderte er dabei, wo und wie die verschiedenen Proben aufbereitet, bearbeitet und aufbewahrt werden. Mit großem Interesse verfolgten die Teilnehmerinnen seine Ausführungen und nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen und mit dem Pathologen ins Gespräch zu kommen.