Beeindruckende Krankheitsverläufe,
Strahlentherapie als moderne Waffe gegen den Krebs: „Technologie bringt viel, aber nicht alles“
Bilder und Fakten bei der Behandlung von Tumoren in der Strahlentherapie zeigte Professor Dr. Dr. Ion-Christian Chiricuta im „Forum Gesundheit“, einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Nassauischen Neuen Presse, der Krankenhausgesellschaft St. Vincenz mbH und der Kreisvolkshochschule Limburg-Weilburg.
„Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, mich mit Strahlentherapie zu beschäftigen, hätte keiner solche Ergebnisse für möglich gehalten, wie wir sie heute in der Radioonkologie erzielen“, so Prof. Dr. Dr. Ion-Christian Chiricuta, Chefarzt des Instituts für Strahlentherapie und Radioonkologie am St. Vincenz-Krankenhaus. „Strahlentherapie als moderne Waffe gegen Krebs“ – so lautete der Titel seines Vortrags.
„Auch wenn der Krebs immer noch viel zu oft auf Dauer nicht heilbar ist, so gelingt es uns doch zunehmend, die Therapien so zu gestalten, dass die Patienten eine verbesserte Lebensqualität haben“, so Chiricuta. Dabei zitierte er Cicely Saunders: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Jede Therapie, so der Radioonkologe, habe auch Nebenwirkungen – während oder nach der Behandlung. Deshalb sei es wichtig, das richtige Maß zu finden, damit die Nebenwirkungen nicht dramatischer sind als die Erkrankung selbst.
Theoretisch sei ein Patient nach der Operation von der Tumorerkrankung geheilt, erklärte der Strahlentherapeut. Bestrahlung, Chemo-, Antihormon- und Antikörpertherapie erfolgten im Prinzip, um den Zustand des Geheiltseins zu erhalten. Wenn dann die erste Metastase festgestellt wird, versuche man, den Patienten mit weiteren so genannten supportiven Maßnahmen zu helfen. Gelingt es nicht, versuche man, dem Patienten so lange wie möglich eine gute Lebensqualität zu erhalten, so dass der Zeitpunkt, an dem der Patient pflegebedürftig wird, möglichst nah an dem liegt, an dem er verstirbt. Idealerweise würden beide Ereignisse auf einen Moment zusammenfallen, so dass der Patient gar nicht mitbekomme, dass er erkrankt sei – ähnlich wie beim Herzinfarkt. Dass dies zunehmend besser gelingt, machte Chiricuta an mehreren Beispielen deutlich.
Unter anderem schilderte er den Krankheitsverlauf eines Patienten Mitte der 90-er Jahre, der einen Tumor hatte. Es musste fast alles bestrahlt werden: Wirbelsäule, Arme, Beine… Aber der Patient habe sich gut gefühlt, konnte sogar ins Theater gehen.
Vor neun Jahren kam eine Tumor-Patientin zu ihm mit Metastasen am Beckenknochen. Sie konnte nicht mehr stehen. „Unsere Physiker entwickelten einen Bestrahlungsplan, mit dessen Hilfe nur die Beckenknochen bestrahlt wurden, Blase, Enddarm und die Weichteile jedoch geschont wurden“, berichtete Chiricuta. Nach zwei Jahren traf er sie wieder. „Es ging ihr unheimlich gut, sie konnte sogar tanzen. Eine Untersuchung am CT ergab, dass die bestrahlten Knochenmetastasen geheilt waren.“
Knochenmetastasen reagierten empfindlich auf Bestrahlung. Man müsse jedoch Rücksicht auf das Rückenmark nehmen. Eingehend schilderte er die Probleme bei der Bestrahlung im Bereich des Rückenmarks. „Wenn man das Rückenmark vor den Strahlen schont, kann man eine höhere Dosis einsetzen, indem man aus mehreren Richtungen einstrahlt. Auch dazu berichtete er von einem schwierigen Fall aus seiner Praxis, der Knochen war nach Abschluss der Therapie geheilt.
Zuweilen komme man schon an die Grenzen des Machbaren, sagte Chiricuta und berichtete von einem Patienten mit einem Tumor im Kieferbereich, der bis ans Rückenmark reichte. „Es waren nur drei Millimeter, aber wir konnten die Therapie so gestalten, dass das Rückenmark verschont blieb und eine hohe Dosis appliziert werden konnte.“ Das war vor sechs Jahren. Dem Patienten geht es heute gut. Wichtig sei natürlich ein gutes Team, das solche Konzepte erarbeiten kann. Aber auch das funktioniere nur, wenn der Patient die Therapie toleriere.
Ausdrücklich wies der Mediziner darauf hin, wie wichtig die Ernährung bei bestimmten Tumorerkrankungen ist. Dabei berichtete er unter anderem von einem Mann mit einem Tumor in der Speiseröhre. Eine Gewichtsabnahme dabei ist nicht ungewöhnlich. Dieser Mann hatte 20 Kilogramm abgenommen. Durch eine Ernährungstherapie konnte diese Gewichtsabnahme gestoppt und sein Ernährungszustand verbessert werden, so dass er bei Abschluss der Radio-Chemo-Therapie wieder zugenommen hatte. „Das war einer der ersten Patienten, denen wir durch eine Ernährungstherapie helfen konnten“, so Chiricuta. Heute ist er froh, dass es am St. Vincenz ein Ernährungsteam gibt, das die Patienten beratend unterstützt.
Anhand zahlreicher Beispiele schilderte Chiricuta die Fortschritte der modernen Strahlentherapie. Bilder von großflächigen Tumorerkrankungen am Kopf, an der Brust und im Bauchraum sowie im Kieferbereich gaben einen kleinen Einblick in die erschütternden Auswirkungen von Tumorerkrankungen. An Deutlichkeit ließ der Vortrag nichts offen. „Wichtig ist vor allem die Menschlichkeit“, sagte Professor Chiricuta. “Die Technologie bringt viel, aber nicht alles.“
Zur Person:
Außerordentliche Verdienste hat Professor Dr. Dr. Ion Chiricuta in der Entwicklung der Strahlentherapie. Früher wurde bei einem Krebspatienten, der bestrahlt wird, ein ziemlich großes Volumen um den Tumor herum mit behandelt. Dank des von Chiricuta mit entwickelten Zielvolumenkonzepts wird nur exakt die Stelle, die auch ein Chirurg wegoperieren würde, bestrahlt – nicht mehr und nicht weniger, dafür aber in wesentlich höherer Intensität. Dadurch zerstören die Strahlen nur das krankhafte Gewebe. Das darum liegende gesunde Gewebe wird geschont. Der Patient hat dadurch wesentlich weniger Nebenwirkungen.
Das Zielvolumenkonzept, das Grundlage einer exakten Strahlentherapie ist, wurde von Prof. Dr. Bohndorf an der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie an der Universität Würzburg entwickelt. Prof. Dr. Dr. Ion Chiricuta hat diese Konzepte während seiner Zeit in Würzburg bei ihm kennen gelernt, sie weiterentwickelt, publik gemacht und anderen vermittelt. Am St. Vincenz Krankenhaus wird diese Form der Strahlentherapie heute routinemäßig eingesetzt.



