Vincenz-Anästhesie hat den Schmerz nach Operationen unter Kontrolle
Limburger Klinik steht in punkto postoperative Schmerztherapie in Deutschland auf Platz fünf
Schmerzfreies Krankenhaus – ein Widerspruch in sich? Auf den ersten Blick natürlich durchaus. Auf den zweiten Blick ist diese Bezeichnung aber vielmehr die etwas zugespitzte Formel für ehrliches und wahrhaftiges Bemühen um möglichst weitgehende postoperative Schmerzfreiheit für den Patienten. Dieses Engagement gegen den Schmerz wurde dem St. Vincenz-Krankenhaus jetzt durch ein begehrtes Gütesiegel bescheinigt: Der 24-Stunden-Akutschmerzdienst der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin wurde jetzt nach dem Kriterienkatalog „Initiative Schmerzfreie Klinik“ durch den TÜV Rheinland erfolgreich zertifiziert. Ausgezeichnet wurden damit neben der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin, die Abteilung für Allgemein-, Gefäß- und Visceralchirurgie, die Abteilung für Unfall- und orthopädische Chirurgie und die Frauenklinik. Derzeit können lediglich 20 Kliniken in Deutschland auf diese Auszeichnung stolz sein. In Hessen ist das St. Vincenz nach dem Klinikum Kassel und dem Wiesbadener Paulinenstift die dritte Klinik, die mit diesem Zertifikat ausgezeichnet wurde.
Freude über die erfolgreiche Zertifizierung des Akutschmerzdienstes: Die Schmerzschwestern Astrid Wambach und Carmen Michel (nicht im Bild Heidrun Wetzel), die Chefärzte Prof. Dr. Dorothee Bremerich, PD Dr. Joachim Hillmeier (Unfallchirurgie und Orthopädie), PD Dr. Udo A. Heuschen (Allgemein-, Gefäß- und Visceralchirurgie), Oberärztin Anke Urban (Frauenklinik), Geschäftsführer Klaus-Werner Szesik und Qualitätsmanagementbeauftragte Martina Weich (mit Zertifikat).
Hinter dieser Ehrung steht eine lange Aufbauarbeit: Seit September 2006 wurde unter Chefärztin Prof. Dr. Dorothee Bremerich ein 24-Stunden-Akutschmerzdienst aufgebaut. Die postoperative Betreuung von Patienten und die schmerztherapeutische Behandlung Schwangerer im Kreissaal ist am St. Vincenz-Krankenhaus rund um die Uhr sichergestellt. Dies ist längst nicht überall der Fall: Einen solchen Akutschmerzdienst gibt es nur an 34 Prozent aller bundesdeutschen Kliniken. Davon wiederum erfüllen nur 17 Prozent die minimalsten Qualitätskriterien.
Nach wie vor geben bis zu 75 Prozent der Patienten nach Operationen mäßige bis stärkste Schmerzen an. Fachärztlichen Experten zufolge werden Schmerzmittel zu niedrig dosiert und die Intervalle zwischen den Medikamentengaben zu lang gewählt, insbesondere nachts erleben Patienten häufig eine unzureichende Schmerztherapie. Der 24-Stunden-Akutschmerzdienst beginnt schon präoperativ: Im Gespräch mit dem Anästhesisten wird der Patient entsprechend seinem Eingriff einem Schmerz-Stufenschema zugeordnet, und erhält entsprechend postoperativ in festen zeitlichen Abständen eine Basis- und eine Bedarfsmedikation. Je nach Größe des Eingriffs wird die medikamentöse Schmerztherapie durch hochwirksame Katheterverfahren unterstützt. Der Patient wird mit in seine Behandlung einbezogen, die meisten Methoden funktionieren über modernste Spritzenpumpen Patienten-kontrolliert über einen Druckknopf.
Die Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin hat differenzierte Verfahrensanweisungen zur Behandlung postoperativer Schmerzen im Aufwachraum, auf der Intensivstation und den operativen Allgemeinstationen implementiert. Sogenannte „Schmerzschwestern“, dies sind speziell in der Schmerztherapie ausgebildete Fachkrankenschwestern (nurse-based, anesthesiologist-supervised acute pain service), besuchen die Patienten nach der Operation und überwachen die Schmerztherapie anhand des festgelegten Stufenschemas während des Krankenhausaufenthaltes der Patienten.
Damit wird verhindert, dass sich stärkste Schmerzen entwickeln, der Schmerz bleibt unter Kontrolle. Denn erfahrungsgemäß gibt es eine große Hemmschwelle, nach Schmerzmitteln zu fragen: Oft zögern Patienten sehr lange, bis sie sich wegen ihrer Schmerzen beim Pflegepersonal melden. Früher mussten dann Krankenschwestern rückfragen – ein unnötiger Zeitverlust bei der Behandlung von postoperativen Schmerzen, der den Patienten im St. Vincenz-Krankenhaus nun durch ein standardisiertes Schema erspart bleibt.
Zudem stehen rückenmarksnahe Katheterverfahren als Ergänzung des „fast tracking“-Prinzips in der Chirurgie und Gynäkologie zur Verfügung. Diese Katheter ermöglichen eine deutlich schnellere Mobilisation der Patienten sowie eine schnellere Wiederaufnahme der Darmtätigkeit nach großen Operationen. Auch die Lungenfunktion wird durch diese Verfahren positiv beeinflußt, die Rate an postoperativen Lungenentzündungen sinkt und gleichzeitig können die Patienten sehr viel früher wieder feste Nahrung zu sich nehmen.
Insbesondere in Unfallchirurgie und Orthopädie führen anästhesiologische Kathetertechniken zu einer schnelleren Mobilisation, was das funktionelle Ergebnis des operativen Eingriffs unterstützt. Nicht umsonst sind die innovativen schmerztherapeutischen Konzepte der Anästhesie elementarer Bestandteil des sog. Joint Care-Projekts, das Patienten bei Hüft- und Knieoperationen deutlich schneller wieder auf die Beine bringt. Das Angebot der „schmerzarmen Geburt“ im Kreissaal rundet das Angebot für größtmögliche Schmerzfreiheit für die Vincenz-Patienten ab: Rückenmarksnahe Periduralanästhesie als Patientinnen kontrolliertes Verfahren unter der Geburt setzt sich am St. Vincenz immer mehr durch. Die werdenden Mütter sollen der Geburt ihres Kindes ohne Ängste und Befürchtungen entgegensehen können: „Wir wollen Vorbehalte ausräumen helfen und die künftigen Eltern mit den verschiedensten Möglichkeiten moderner Schmerzlinderung in der Geburtshilfe vertraut machen“, betont Prof. Dr. Bremerich, unter deren Ägide diese Verfahren in Zusammenarbeit mit Chefarzt Dr. Peter Scheler im Kreissaal etabliert wurden. Zudem zählen seit kurzem Verfahrensanweisungen zur postoperativen Schmerztherapie im Kindesalter zur klinischen Praxis im St. Vincenz-Krankenhaus.
Alles in allem Faktoren, die zu einer deutlich verkürzten Krankenhausverweildauer führen – ein Aspekt, der für alle Beteiligten von Vorteil ist. Steht doch der Wunsch des Patienten, möglichst schnell wieder zu Hause zu sein, in einer auch für das Unternehmen Krankenhaus nicht unliebsamen Symbiose mit wirtschaftlichen Effekten. So kann trotz der sinkenden finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen interdisziplinäres Engagement einer Klinik zu noch mehr Qualität in der Behandlung verhelfen.
Seit einem Jahr nimmt das St. Vincenz auch am Benchmark-Projekt „Quips“ teil. Quips steht für Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie und ist ein Vergleichssystem zur Verbesserung der Akutschmerztherapie in deutschen Krankenhäusern. Einige weniger Qualitätsindikatoren werden standardisiert dokumentiert; ihre Analyse und Rückmeldung an die beteiligten Kliniken ist ein wichtiges Instrument für sowohl internes als auch externes Benchmarking und kontinuierliche Verlaufsbeobachtung. Das Projekt wird von den Präsidien der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA) unterstützt. Prof. Dr. Bremerich: „Mit Hilfe des Quips-Feedbacks dürfen wir konstatieren: das St. Vincenz zählt seither in Sachen Schmerzfreiheit immer zu den fünf besten Krankenhäusern in Deutschland!“
Prof. Dr. Dorothee Bremerich



