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Kunst mit dem Ansatz, Wunden zu heilen…

Eine Ausstellung von Thomas Müller

Fast ist es schon eine Tradition, dass im Foyer des St. Vincenz-Krankenhauses zum Jahresende sehr besondere, außergewöhnlicher künstlerische Präsentationen zu sehen sind - so auch in diesem Jahr mit den Werkes des Limburger Künstlers Thomas Müller. Der eher unverfängliche Titel der Ausstellung ist freilich mehr als irreführend: Denn „Perspektiven und Ansichten“ dieser oft gebrauchte kleinste gemeinsame Nenner künstlerischer Werkschauen ist zu banal, um die differenzierten Expressionen der künstlerischen Wahrnehmung des Thomas Müller adäquat widerspiegeln zu können.

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Dies machte auch die Laudatio von Künstler- und Lahn-Artist-Kollegin Renate Kuby deutlich, die Müllers Präsentation zu sehr grundsätzlichen künstlerischen Fragen nutzte: „Kunst soll Fragen aufwerfen, aufrütteln, natürlich! Aber ich bekomme allmählich das Gefühl, dass die Zeiten sich geändert haben und die Aufgabe der Kunst sich verschiebt.“ Kunst im Umbruch? Müllers sensible Arbeiten sind nach Überzeugung Kubys durchaus Anzeichen für eine solche Kehrtwende: „Thomas Müller will nicht die Zerrissenheit thematisieren. Er thematisiert vielmehr das, was die Zerrissenheit heilen kann…“

Nicht umsonst beherrsche er meisterhaft die Sprache der Impressionisten, derjenigen Maler, die Mitte des 19. Jahhunderts das Licht in seinen unendlichen Variationen als Thema für die Malerei entdeckten: „Sie fühlten sich angezogen vom Flüchtigen und Vergänglichen, sie ließen die Konturen ihrer Motive verschwimmen und mißachteten regelrecht das Detail“, erinnerte Renate Kuby bei einem kurzen Ausflug in die Kunstgeschichte. Die fließende und luftige Malweise der Impressionisten sei zu einer Sprache geworden, die „wir als moderne Menschen gelernt haben zu verstehen.“

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Wie viele Impressionisten ist auch Thomas Müller ein Bewunderer der Natur. Nicht umsonst hatte er ein Zitat aus dem „grünen Heinrich“ von Gottfried Keller auf die Einladung zur Ausstellung placiert. Doch auch hier ist die Melancholie, wenn nicht gar die Depression der Menschen des industrialisierten Zeitalters klar angedeutet: „Ich ging immerzu, indessen mich das selbstgefällige Mitleid mit mir selbst, welches mir die Welt aufgedrängt hatte, wieder überkam, bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich weinte.“ Gottfried Keller schrieb diesen Roman, nachdem er 1842, als Maler gescheitert, aus München nach Zürich zurückgekehrt war. Im Mittelpunkt dieses herausragenden Werks des deutschen Realismus steht ein bürgerlicher Held, der sich voller Ambitionen und Hoffnungen in die Welt begibt, um als Künstler Karriere zu machen.

Es zeugt von der Bescheidenheit des Menschen Thomas Müller, aber auch vom Understatement eines wirklichen Künstlers, dass er gerade diesen Roman gewählt hat. Glücklicherweise hat er sich allerdings für ein Zitat aus der zweiten Fassung des „grünen Heinrich“ entschieden – der Version nämlich, an deren Schluss nicht das tragische Ende, das Scheitern des Künstlers steht, sondern ein durchaus versöhnliches Ende avisiert ist.

Ist also Licht am Ende des Tunnels, des Lebensweges? Mehr Licht für die Menschen der Moderne? Renate Kubys Antwort ist da eindeutig: „Thomas Müller schafft Bilder, die wir brauchen, um uns auf das Wesentliche zu besinnen. Nämlich das, was uns innerlich ernährt.“ Er lege sein ganzes Empfinden in seine bildnerische Sprache. Und dann werde so lange gemalt, bis das Bild der Wahrnehmung seiner inneren Sprache entspreche: „Kunst ist schön, wenn sie wahr ist, wenn sie der tiefen Empfindung des Malers entspricht“, resümierte Kuby in diesem Kontext.

Dass Thomas Müller also nicht nur schöne Kunst schafft, sondern auch „Seiten zum Klingen“ bringt, wie Kuby meinte, dies brachte mehr als anschaulich die Musikpädagogin Ulrike Jordan mit ihrer Oboe zum Ausdruck. Ihr wunderbares Air von Johann Sebastian Bach und dabei das Pfauenauge von Thomas Müller im Blick, oder seine Libelle, sein Mohnfeld oder seinen „Vanessa io orange (Schmetterling)“ - was braucht ein Krankenhaus mehr als solche Kunst mit dem von Renate Kuby skizzierten Ansatz, Wunden zu heilen…

Die Ausstellung ist noch bis Ende Januar rund um die Uhr im Foyer des St. Vincenz-Krankenhauses zu besichtigen.