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Neu am St. Vincenz: der 24-Stunden-Akutschmerzdienst

Der Vision vom schmerzfreien Krankenhaus einen Schritt näher gekommen: Neue Methode rückt dem Schmerz zu Leibe

Es ist eine Binsenweisheit: Im Fachbereich der Anästhesie hat moderne Hochtechnologie den Ätherschwamm der ersten Narkosen längst verdrängt. Lange vorbei ist die Zeit, in der aufgrund der geringen Überlebenschancen Gebet und Beichte als wichtigste OP-Vorbereitung seitens des Patienten galten*: Im Zuge der wissenschaftlichen Emanzipation des Fachs haben sich die perioperative Behandlung und die Anästhesie im OP-Saal als elementares Kernstück der Anästhesiologie etabliert. Dass Operateure und Anästhesisten Hand in Hand arbeiten, ist heutzutage selbstverständlich; immer ausgefeiltere schmerztherapeutische Konzepten und immer feiner differenzierte Wirkstoffkombinationen stehen ihnen dabei zur Seite. Schwierige Operationsaufkommens erfordern die sichere Beherrschung hochmoderner, anspruchsvollster Anästhesieverfahren und Techniken. Dies stellen tagtäglich in jetzt neu konzipierter Teamarbeit die operativen Disziplinen sowie die Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am St. Vincenz- Krankenhaus unter Beweis. Herausragende Neuerung im operativen Netzwerk für die Patienten: der 24-Stunden-Akutschmerzdienst, der jetzt dort eingerichtet wurde.

Abbildung Akutschmerzdienst

Ist begeistert von der neuen Methode: Dunja Eckert aus Runkel.

Elementares Standbein dieses Rund-um-die-Uhr-Schmerzdienstes nach operativen Eingriffen ist die sog. Patientencontrollierte epidurale Analgesie (PCEA). Durch den Einsatz dieses fortschrittlichen Verfahrens will man dem Schmerz zu Leibe rücken. "Wir sind unserer Vision vom schmerzfreien Krankenhaus ein Stück näher gekommen", freut sich Privatdozentin Dr. Dorothee Bremerich, seit September Chefärztin der Anästhesie an der Limburger Klinik. Dass dem so ist, können mittlerweile auch Patienten bestätigen. Denn das Besondere an dem neuen System: die Patienten sind in ihr Schmerzregime aktiv miteinbezogen.

Beispiel Dunja Eckert, Patientin aus Runkel, Morbus-Crohn-Patientin. Sie hat eine schwere Darmoperation dank der PCEA gut überstanden: "Frau Dr. Bremerich hat mir die neue Methode gerade im Blick auf die besondere Schwere der Operation ganz eindringlich ans Herz gelegt. Anfangs war ich sehr skeptisch. Aber jetzt bin ich einfach nur überzeugt!" Gleich nach der mehrstündigen OP habe sie sich wesentlich besser gefühlt: "Den Umständen entsprechend sogar blendend", meint Dunja Eckert. Ganz besonders schätzt sie die Möglichkeit, ihr Schmerzmittel selbst zu dosieren. Der große Vorteil: Patienten müssen nicht eigens auf den Arzt oder die Krankenschwester warten, um das Schmerzmedikament abrufen zu können. Aufgrund der am Gerät individuell für jeden Patienten neu programmierten Sicherheitsgrenzen ist eine Überdosierung ausgeschlossen.

Praktisch sieht dies so aus: Präoperativ wird den Patienten ein rückenmarksnaher Katheter angelegt. Dieser ist haarfein und kaum spürbar. Hierüber wird schon während der OP kontinuierlich eine Mischung starker Schmerz- und örtlicher Betäubungsmittel verabreicht. Appliziert durch eine kaum handtellergroße Spritzenpumpe können beide Medikamente sowohl kontinuierlich abgegeben, als auch bei Bedarf noch zusätzlich dosiert werden. Unterstützt werden die Patienten in der Handhabung der neuen Methode noch zusätzlich durch eine eigens spezialisierte "Schmerzkrankenschwester", welche die zumeist chirurgischen Patienten im Rahmen einer eigenen "Schmerzvisite" auf eine ihren individuellen Bedürfnissen angepasste Schmerztherapie einstellt.

Insgesamt reduziert das PCEA-Verfahren die Belastungen für die Patienten enorm: Sie brauchen geringere Mengen an Narkosemedikamenten, sind nach der OP schneller wach und fühlen sich besser. Nicht nur Herz-Kreislauf-System und Atmung, auch Immunsystem und Gastrointestinaltrakt werden deutlich geschont. Dies macht die PCEA insbesondere auch für Hochrisiko-Patienten interessant: Zum einen lässt sich die Komplikationsrate deutlich reduzieren, zum anderen ist es nun sogar möglich, auch hochbetagten Patienten, die man früher aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr operiert hätte, durch einen operativen Eingriff beispielsweise von chronischen Schmerzen zu befreien. Die PCEA-Methode ist bei allen großen Operationen im Bereich des Bauches, als auch bei großen gynäkologischen Operationen anwendbar.

* Aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16. April 2006