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Palliativmedizin verhilft zum Sterben in Würde

In Hadamar auch ein Vermächtnis der Geschichte:

Ärztlicher Direktor des St. Vincenz-Krankenhauses zur Kritik an der geplanten Palliativstation in St. Anna

Den Befürchtungen Hadamarer Politiker, mit der Einrichtung einer Palliativstation im St. Anna-Krankenhaus würde die Klinik dort auf ein Art „Sterbehaus“ reduziert, ist  der Ärztliche Direktor des St. Vincenz-Krankenhauses, Dr. Klaus-Peter Schalk, vehement entgegengetreten. Es sei zwar verständlich, dass man ausgerechnet in Hadamar eine solche Einrichtung besonders sensibel betrachte. Allerdings könne gerade vor dem Hintergrund der Geschichte der Stadt eine solche Palliativstation einen einfühlsamen Kontrapunkt setzen, ja letztlich Geschichte ganz konkret aufarbeiten.

Der Ärztlichen Direktors des St. Vincenz-Krankenhauses, Dr. Klaus-Peter Schalk

Moderne Palliativkonzepte, wie in St. Anna vorgesehen, sorgten für hochdifferenzierte, psychologisch gestützte Betreuung in schwersten Lebenskrisen – sowohl für die Betroffenen selbst, als auch für ihre Angehörigen. Ein Abschied in Würde sei für Tumorkranke oft nur mit solcher Hilfe möglich. Dr. Schalk: „Ars vivendi, Ars moriendi – auf  solchen Stationen kann durch intensive Unterstützung und Begleitung das Sterben zur letzten Chance des Lebens werden.“ Was der frühere Hadamarer Bürgermeister Hermann Bellinger im Informationsgespräch mit der Krankenhausgesellschaft als „denkbar schlechte Lösung“ für St. Anna deklariert habe, ist nach Ansicht des Onkologen Dr. Klaus-Peter Schalk, geradezu ein ideales Ergebnis im Kampf um den Erhalt der Klinik: „St. Anna mit seiner ruhigen Lage und seiner besonderen Atmosphäre ist hierfür geradezu prädestiniert.“

Die vielschichtigen Probleme, mit denen ein Tumorkranker im Verlauf seiner Erkrankung konfrontiert wird, erfordern insbesondere dann, wenn die kurativen (also heilenden) Grenzen erreicht sind, die Schaffung neuer Strukturen. 18 Prozent der Tumorpatienten brauchen aktuellen Untersuchungen zufolge im letzten Jahr ihrer Erkrankung mindestens einen stationären Aufenthalt auf einer Palliativstation. Obwohl die Weltgesundheitsbehörde der Palliativmedizin vor dem Hintergrund dieser und anderer demographischer Erkenntnisse höchste Priorität einräumt, ist man in der Bundesrepublik, im Bundesland Hessen und insbesondere auch im Landkreis Limburg-Weilburg (wo eine solche Einrichtung noch vollends fehlt) von einer zufrieden stellenden palliativmedizinischen Gesamtversorgung noch weit entfernt. Dr. Schalk: „Diese Gesamtentwicklung verpflichtet uns geradezu zu solchem Engagement – insbesondere auch vor dem Hintergrund unserer christlich geprägten Stiftungen.“

Bei der Arbeit einer Palliativstation stehen insbesondere die Schmerz- und Ernährungstherapie sowie die psychosoziale Begleitung im Vordergrund. Auch die in Hadamar gut aufgestellte Schmerztherapie spricht in diesem Zusammenhang für die Etablierung einer solchen Station in St. Anna. In Anlehnung an die WHO-Definition soll dort nach den Worten Dr. Schalks die „Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung, für die das Hauptziel der Begleitung die Lebensqualität ist“, erfolgen. Ein solch komplexer, ganzheitlicher Behandlungsansatz bedingt eine intensive Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegekräften, Seelsorgern, Psychologen, Psychotherapeuten und anderen Berufsgruppen – eine Konzeption, die im normalen Klinikalltag so nicht umsetzbar sei. „Eine solche Station hat eine unverzichtbare Brückenfunktion für alle Beteiligten“, bekräftigt der Ärztliche Direktor, der das Sterben als „Leben vor dem Tod“ definiert. In diesem Kontext habe eine Palliativstation gerade in Hadamar nicht nur ihre Berechtigung, sondern eine ganz besondere Aufgabe: „Die Aufarbeitung von Geschichte gelingt nicht durch die Verdrängung des Todes oder die Ausgrenzung einer solchen Thematik, sie wird vielmehr nur dann gelingen, wenn man ihr konkret begegnet. Insofern sollte man eine Palliativstation in Hadamar als Vermächtnis der Geschichte begreifen.“