Ein Netzwerk im Kampf gegen den Tumor
Experten aus aller Welt entwickelten neue Standards in radioonkologischer Diagnostik und Therapie
Ein interdisziplinärer wissenschaftlicher Status Quo in der Krebsforschung – dies ist der Verdienst einer internationalen Kongreßreihe, die am Wochenende (1. bis 3. Dezember 2005) in Limburg zu Ende ging. So wenig sein Titel für den Laien verständlich ist, so bedeutsam sind seine Ergebnisse für die betroffenen Patienten: „ The 5th International Symposium on Target Volume Definition in Radiation Oncology“ hatte als Schlusspunkt und Abrundung der über fünf Jahre währenden wissenschaftlichen Kolloquien die Bestrahlungstechnik des Lymphsystems zum Thema. Organisiert und ins Leben gerufen hat die Veranstaltungsreihe der Chefarzt des Instituts für Strahlentherapie am St. Vincenz-Krankenhaus, Prof. Dr. Dr. Ion-Christian Chiricuta. Ergebnisse der Symposien sind wegweisende Behandlungskonzepte und neue medizinische Standards im Kampf gegen den Tumor.
Professor Dr. Dr. Ion-Christian Chiricuta bei der Eröffnungszeremonie des internationalen Krebskongresses, der sich am Wochenende in Limburg mit Bestrahlungstechnik in der Krebstherapie befaßte.
Denn dies war weltweit die erste Kongressreihe, die derart umfassend nicht nur genau definierte und individuell an die anatomischen Gegebenheiten des Patienten angepasste Behandlungskonzepte für jede einzelne Tumorentität (Tumorform) entwickelte, sondern auch die neuesten Erkenntnisse über das Lymphsystem aufarbeitete und zusammenfaßte. Nun liegen erstmals einheitlich festgeschriebene Grundlagen zur Definition des Zielvolumens sowie differenzierte Empfehlungen und Richtlinien für die Tumortherapie der unterschiedlichsten Erkrankungsstadien vor. Die Beschreibung des Lymphsystems (eine exakte Lokalisierung von genau 1200 Lymphknoten im menschlichen Körper) anhand der aktuellsten Daten ermöglicht zudem künftig eine wesentlich gezieltere Diagnostik.
Die im Rahmen der fünf Symposien vermittelten grundlegend neuen Erkenntnisse waren Grundlage für intensive wissenschaftliche Diskussionen in der Tumortherapie, welche elementare Konsequenzen in der klinischen Praxis nach sich ziehen werden. Fachleute bescheinigen den Ergebnissen bahnbrechende Ergebnisse sowohl im Blick auf lokale Behandlungsformen (Chirurgie oder Strahlentherapie), als auch bezüglich systemischer Therapieformen (Chemo- und Hormontherapie).
Insgesamt nahmen rund 600 Radioonkologen und Medizinphysiker, Chirurgen und Strahlentherapeuten aus 23 Ländern an den Limburger Symposien teil. Die Referenten zählten zur Avantgarde ihrer jeweiligen medizinischen Disziplinen; ausgewiesene internationale Experten stellten in Limburg investigative Therapiemethoden vor. So referierten u.a. der Entdecker der sog. Sentinel-Node-Procedure (Wächter-Lymphknoten-Methode), Prof. Dr. Ramon M. Cabanas (New York), Prof. Dr. Anders Brahme und Sharif Quatarneh (Stockholm) sowie die japanischen Professoren Gen Murakami und Kazuyoshi Suga.
Unterstützung erfuhr Professor Chiricuta bei seinem Engagement für innovative Behandlungsmethoden aber auch aus Deutschland, nicht zuletzt aus dem eigenen Haus. So sprachen auch PD Dr. J. Schirren, Direktor der Thoraxchirurgie an den Horst-Schmitt-Kliniken Wiesbaden, Prof. Dr. J. Werner von der Universität Marburg, aber auch PD Dr. Udo A. Heuschen, Chefarzt der Allgemeinchirurgie am St. Vincenz und dessen Frau, Oberärztin Dr. Gundi Heuschen, im Rahmen der Kongreßreihe – letztere sind beide an der Universität Heidelberg sowie am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Forschungsprojekte zur Tumortherapie involviert.
Für die Krebspatienten selbst bedeutet diese wissenschaftliche Überzeugungsarbeit einen enormen Fortschritt in der Behandlung. Denn die immer exaktere Definition ihrer Behandlung durch die während der Kongressreihe beschriebenen neuen Standards verringern die Nebenwirkungen der Therapie, schonen gesundes Gewebe, vergrößern die Heilungschancen und steigern auch die Lebensqualität der Behandelten. Insofern füllen die Ergebnisse des Kongresses auch ein wissenschaftliches Vakuum. Denn entstanden ist ein „topographischer Atlas“, der im Rahmen der Behandlung individuell an jeden Patienten angepasst werden kann. Ähnlich einem digitalen Kalkulationsprogramm, das die verschiedensten Aspekte eines Problems (in diesem Fall eben der Tumorbehandlung) beleuchtet und im Ergebnis optimal verbindet und zusammenführt. „Wir haben ein riesiges Puzzle zusammengesetzt“, fasst der Initiator des Kongresses die Ergebnisse der fünf Symposien zusammen.
Der Chefarzt des Instituts für Strahlentherapie am St. Vincenz-Krankenhaus hofft nun auf entsprechende Signalwirkung in der klinischen Routine. Denn gerade auch die Therapieplanungssysteme der modernen Strahlentherapie sind nicht nur in der Lage, solch hochpräzise Behandlungskonzepte am Patienten umzusetzen, sondern sie bedingen gleichzeitig auch eben solch differenzierte Kenntnisse, um ihre Möglichkeiten optimal ausnutzen zu können. Das Resümee des Limburger Strahlentherapeuten: „Wir hoffen im Sinne der Krebspatienten, dass dieser Funke überspringt…“
Ein topographischer Atlas zur Rettung krebskranker Menschen: Im Rahmen der von Prof. Dr. Chiricuta initiierten Kongressreihe wurde das sogenannte „Visible human“, ein dreidimensionales, digitalisiertes Modell der im Menschen vorhandenen Lymphknoten, vorgestellt und anhand von ein-Millimeter-großen CT-Schnitten erstmals exakt lokalisiert. Insgesamt wurden 1200 Lymphknoten beschrieben. Ein amerikanischer Häftling hatte seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt – dies verhalf Medizinern weltweit zu bahnbrechenden Erkenntnissen, die im Rahmen der fünf Limburger Symposien wissenschaftlich aufgearbeitet und zusammengefasst wurden. Sie waren wesentliche Grundlage dafür, dass im Rahmen des Kongresses erstmals wegweisende Behandlungskonzepte und neue medizinische Standards im Kampf gegen den Tumor beschrieben werden konnten.



