Willkommen beim St. Vincenz Krankenhaus in Limburg

Zum Seiteninhalt
Alternative Navigation (mit Tabulator und oder Zugriffstasten)

Die Seitennavigation:

 

„Leib und Seele lassen sich nicht in Hard- und Software zerlegen!“

Schonungslose Analyse des Wachstumsmarkts Gesundheit: Bischof Prof. Dr. Franz Kamphaus hielt eindrucksvolles Plädoyer für den Arzt im Mediziner

„Wenn die Würde des Menschen zum Gesundheitsmarkt getragen wird“ – unter diesem Tenor hielt am Samstag, 11. September 2004, der Limburger Bischof Prof. Dr. Franz Kamphaus ein eindrucksvolles Plädoyer für den Arzt im Mediziner.

Kamphaus sprach vor rund 90 Zahnmedizinern und Zahntechnikern aus ganz Deutschland, die sich im Rahmen der Fortbildungskurse des Instituts für zahnärztliche Implantologie (IZI) am St. Vincenz-Krankenhaus unter Leitung von Dr. Dr. Roland Streckbein und Dr. Rainer Hassenpflug in der Limburger Klinik aufhielten. Das Oberhaupt der Katholiken des Bistums forderte nachdrücklich mehr Zeit und Raum, um sich den neuen Herausforderungen medizinischer und pflegerischer Berufsethik zu stellen. Kamphaus appellierte an seine Zuhörer, diese elementaren Fragen im täglichen Betrieb nicht zu verspielen.

„Menschen, die diesen Beruf ergriffen haben um Kranken zu helfen werden immer mehr damit konfrontiert, Gesundheitsmanager ihrer Patienten zu sein“, konstatierte der Bischof angesichts der wachsenden Fülle therapeutischer Angebote auf dem „Gesundheitsmarkt“. In Zeiten, in denen mit blendendem Lächeln und strahlendem Aussehen geworben werde, sei mit Medizin zunehmend nicht immer nur ärztliches Handeln gemeint: Ärzte würden immer mehr zu Dienstleistern sogenannter „Ge-sundheitsmedizin“.

War beeindruckt von der „schnörkellosen Analyse“ des Limburger Bischofs Prof. Dr. Franz Kamphaus: Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI), Dr. Dr. Roland Streckbein, der die Veranstaltung organisiert hatte.

Gestützt werde solche Entwicklung nicht nur von zweifelhaften Gesundheitsangeboten diverser Medien, sondern auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern auch als Zustand vollständigen körperlichen Wohlbefindens definiere: „Wer sich damit identifiziert, wird sich permanent als krank empfinden“, kritisierte Prof. Dr. Kamphaus. „Der Mensch ist niemals ganz wohl, also stets gesundheitsbedürftig.“ Solche Angst veranlasse zum Handeln und begünstige teils pervertierte therapeutische Angebote auf dem Gesundheitsmarkt: „Der Mensch wird sein eigenes Produkt.“

Dabei sprach der Bischof den Errungenschaften der Medizintechnik keineswegs ihre Berechtigung ab, im Gegenteil: „Diese Form der Medizin kann dem christlichen Ethos des Samariterdienstes sehr nahe kommen.“ Eine einseitige Fixierung auf Technisierung werfe jedoch Fragen auf: Wenn beispielsweise die Sprechstunde zur Stunde der Apparate mutiere oder beredte Heilkunst stummer Pharmazeutik weiche: Es sei ein elementarer Unterschied, ob ein Arzt mit einem digitalen Hochpräzisionsgerät oder mit warmer Hand den Blutdruck messe. „Leib und Seele lassen sich nicht in Hard- und Software zerlegen.“ Kein Arzt sei jedoch heute mehr davor gefeit, bei der Wahl der richtigen Behandlung den manipulierenden Interessen der Pharmaindustrie zum Opfer zu fallen.

Der Bischof verwies zudem auf die „Riesenunterschiede im globalen Vergleich“, das Nord-Süd-Gefälle der Medizin. Großes Lob zollte er in diesem Zusammenhang der Einrichtung eines Bundeswehr-Lazarett in Afghanistan, welches nicht nur für Karfor-Truppen, sondern auch für die Bevölkerung offen stehe. Während amerikanische Politik Staaten und Menschen in die Knie zwänge, werde hier den Menschen auf die Beine geholfen: „Wenn sie dann aufrecht gehen können, wird man auch anders mit ihnen sprechen können: Weil sie ein Selbstbewusstsein haben...“, prognostizierte Kamphaus, der auch die Kommission "Weltkirche" der Deutschen Bischofskonferenz leitet.

Die Beziehung zum Menschen war Schlüsselwort und Leitfaden seiner Ansprache: „Die Seele läßt sich nur im Wagnis einer Beziehung entdecken. Wenn der Patient nur noch das Substrat seiner physiologischen Prozesse ist, sind wir mit jedem Patienten schnell am Ende“. Von daher gebe es durchaus eine Verbindung zwischen dem Arzt und dem Seelsorger. Für den Arzt sei jedoch eine gefährliche Versuchung, etwas in die Hände zu nehmen, das zwischen ihm und dem Patienten stehe. Für den Arzt im Mediziner sei jedoch das unmittelbare Gegenüber unverzichtbar. Er werde davor zurückschrecken, vor aller Medizintechnik den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

„Naturwissenschaften sind notwendigerweise reduktionistisch. Das liegt in ihrer Natur“, meinte der Bischof. Problematisch werde es erst, wenn daraus eine verabsolutierende Weltanschauung, eine Ideologie werde: Dann sei die Perspektive verkürzt, der Mensch nur noch die Summe seiner Gene, seiner Neuronen und letztlich ein gläserner Patient. „Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Ein Arzt dagegen unterscheidet sich nach Ansicht des Bischofs vom reinen Mediziner darin, daß er sich der unantastbaren Würde des Menschen bewusst sei: „Der Mensch hat nicht Wert, er hat Würde.“ Kamphaus bekannte sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich zur Philosophie Emmanuel Kants: „Was über allen Preis erhaben ist, hat Würde. Und diese läßt sich nicht zu Markte tragen...“ Die Ethik der Würde im Gegensatz zur „Ethik“ der Erfolgsinteressen sei ein ungelöster Konflikt im Projekt der Moderne.

Angesichts aller „Machbarkeit“ von Gesundheit bezeichnete der Bischof ein klares Bekenntnis zur Endlichkeit als unverzichtbar. Ärzte hätten den Mut, auch die Grenzen ihrer Möglichkeiten anzusprechen. Für den reinen Mediziner dagegen sei dies - gefangen in der Landschaft des Machbaren und angesichts immer anspruchsvollerer Kunden auf Kosten der Kassen - desto schwieriger. Hinter diesen Bedürfnissen stünden endlosen Manipulierbarkeit und ein Ausmaß an Selbstverliebtheit, das schaudern lasse – ein Anspruchsdenken, das jede Form von Kontingenz, Endlichkeit oder Kreatürlichkeit leugne. Es gehe gerade heutzutage vielmehr auch darum, „aktiv an- und hinzunehmen, was uns widerfährt.“ Man könne sich den Bedingungen des Lebens beugen, ohne sein Rückgrat zu verlieren: „Nicht nur der Hammer des Schmiedes prägt das glühende Eisen, es ist auch der Amboss, der die Schläge auffängt...“