Spannende Karriere: Vom Gift zum Therapeutikum
Kassenermächtigung für Botulinumtoxin-Behandlung in der Neurologischen Abteilung
Kaum ein in der Natur vorkommender Giftstoff ist wegen seiner Wirkstärke so gefürchtet wie das Botulinum Toxin. Die Lähmungswirkung dieses von einem Bakterium (Clostridium botulinum) gebildeten Toxins ist stärker als die aller anderen bekannten Toxine. Gerade wegen seiner spezifischen Wirkung auf die Impulsübertragung in Nervenenden wurde es in die Therapie neurologischer Erkrankungen eingeführt. Für viele neurologische Patienten war dies ein wesentlicher Fortschritt. In der neurologischen Abteilung des St. Vincenz-Krankenhauses wird Botulinum Toxin schon seit längerem angewandt. Mit der Einrichtung der KV-Ambulanz für Kassenpatienten in der Neurologischen Abteilung unter Chefarzt Dr. Christoph Oberwittler können nun alle Patienten der Region ambulant behandelt werden.
Wie wirkt Botulinumtoxin?Die Wirkungsweise wurde erst 1996 aufgeklärt. Botulinumtoxin ist wie das Tetanustoxin ein Eiweißmolekül, das durch einen spezifischen Mechanismus in die Endigungen von solchen Nervenfasern eingeschleust wird, die als Botenstoff das Acetylcholin benutzen. Im inneren der Nervenenden entfaltet das Toxin die Wirkung eines Enzyms und spaltet Eiweißkörper, die für die Abgabe des Botenstoffes unverzichtbar sind. Daduch blockiert Botulinumtoxin die Übertragung von Nervensignalen auf die Muskulatur oder andere Zellen, wie die Schweißdrüsen. Die Nervenenden erholen sich nach Wochen bis Monaten von dieser chemischen Blockade. Nachdem das Toxin seine Enzymwirkung ausgeübt hat, wird es rasch abgebaut und unschädlich. Deswegen hat Botulinumtoxin keine negativen Wirkungen auf andere Organe, wenn es gezielt in die Muskulatur oder an die Schweißdrüsen injiziert wird. Die von Botulinumtoxin blockierten Muskeln werden schwächer und nehmen an Größe ab (Atrophie). Diese klinische Wirkung hält bei Muskeln ca. drei Monate an, die Wirkung auf Schweißdrüsen und Speicheldrüsen ist wesentlich länger.
Welche Krankheiten können mit Botulinumtoxin behandelt werden?Alle Erkrankungen mit überaktiver, sich verkrampfender Muskulatur können mit lokalen Botulinumtoxininjektionen behandelt werden. Die Ursache der unwillkürlichen Bewegungen wird dadurch nicht beseitigt, sondern lediglich das für den Patienten störende Symptom. Trotzdem hat die Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin einen wesentlichen Fortschritt für Erkrankungen wie die fokalen Dystonien (Lidkrampf, muskulärer Schiefhals, Schreibkrampf, Stimmlippenkrampf) oder Erkrankungen mit Spastik (z.B. nach Schlaganfall oder infolge Sauerstoffmangels während der Geburt) gebracht. Weitere Einsatzgebiete sind das pathologische Schwitzen, das durch axilläre oder Injektionen der Handflächen behandelt werden kann. Die Wirkung hält meistens länger als ein halbes Jahr an. Diese Indikation ist in Deutschland noch nicht zugelassen und kann daher nicht ohne Antrag auf Kosten der Krankenkassen behandelt werden.
Die erschlaffende Wirkung auf die Gesichtsmuskulatur wurde auch von Prominenten aus Film und Fernsehen in Amerika zur Faltenbehandlung entdeckt. Diese kosmetische Injektion hat auch in Deutschland viel Furore gemacht, was dem Ansehen von Botulinum Toxin als medizinisches Therapieprinzip nicht gerade genützt hat. Eine kosmetische Anwendung wird in der neurologischen Abteilung des St. Vincenz-Krankenhauses nicht angeboten.Botulinum Toxin hat bis heute eine spannende Karriere vom gefürchteten Gift zum nützlichen Therapeutikum hinter sich und wird auch in Zukunft noch viele interessante Einsatzgebiete finden.



