Willkommen beim St. Vincenz Krankenhaus in Limburg

Zum Seiteninhalt
Alternative Navigation (mit Tabulator und oder Zugriffstasten)

Die Seitennavigation:

 

"Der Patient muss sein eigener Arzt werden"

Interview mit dem Vizepräsidenten der Deutschen Diabetes Gesellschaft PD Dr. Erhard G. Siegel

Die Zahl der Diabetiker steigt auch weiterhin dramatisch an. Mit einem Anteil von fast zehn Prozent der Bevölkerung ist der Diabetes mellitus eine der häufigsten Volkskrankheiten, auch die Dunkelziffer ist mit rund 1 Million geschätzten Erkrankten enorm hoch. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet dies Leid und Verlust an Lebensqualität, für die Solidargemeinschaft aufgrund der schweren Folgeerkrankungen eine hohe Belastung: Jährlich werden bundesweit rund 16 Milliarden Euro allein für die Therapie der Grunderkrankung Diabetes ausgegeben. Obwohl die hohen Risiken der Zuckerkrankheit schon lange bekannt sind, ist nur jeder fünfte Patient optimal eingestellt. Mangel an Information, aber auch gefährliche Sorglosigkeit aufgrund der anfänglichen Beschwerdefreiheit sind die Gründe. Doch es gibt viele neue therapeutische Perspektiven und zahlreiche Ansatzpunkte für eine wirksame medikamentöse Therapie, um die Zerstörungsprozesse im Körper zu stoppen und den Betroffenen zu einem hohen Maß an Lebensqualität zu verhelfen. Der 4. Limburger Diabetestag will mit viel Information und Aufklärung für Prävention, aber auch für eine rechtzeitige Entdeckung der Krankheit, die Verhinderung von diabetesbedingten Komplikationen sowie für frühzeitige und zielorientierte Diabetestherapie sorgen. Im Vorfeld des Diabetestages, der am Samstag, 17. September 2011, von 9.30 bis 14.30 Uhr in der Limburger Stadthalle stattfindet, sprachen wir mit dem Vizepräsidenten der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Vorsitzenden der Hessischen Fachgesellschaft (HFD), dem Limburger Chefarzt PD Dr. Erhard G. Siegel:

In Hessen gibt es bei einer Gesamtbevölkerung von fünf Millionen Menschen rund 500.000 Diabetiker, im Landkreis Limburg-Weilburg schätzen Experten die Zahl der Betroffenen auf rund 15.000. Definitiv sind statistisch jedoch nur 3000 Patienten erfasst, die mit Insulin behandelt werden. Wie steht es vor diesem Hintergrund mit der Versorgungsstruktur der Diabetiker in der Region?

Die Versorgung von Diabetes-Patienten hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland und auch in Hessen verbessert. Man findet eine Abnahme des Anteils von sehr schlecht eingestellten Patienten. Ebenso hat der Anteil der Diabetiker mit sehr hohem Blutdruck (> 160/100 mm Hg) abgenommen. Allerdings wird der Zielwert von unter 140/80 mmHg auch heute noch nur bei einem Drittel der Patienten erreicht. Angesichts der starken Zunahme von Patienten mit Diabetes sind jedoch weiter dringend neue Konzepte für Prävention, also Vorsorge erforderlich.

Immer mehr junge Menschen erkranken an Diabetes – können wir uns von dem Begriff des sog. Alters-Diabetes verabschieden?

Diabetes Mellitus Typ 2 war früher eine Erkrankung des hohen Lebensalters. In den letzten Jahren wird er immer häufiger und betrifft vor allem auch jüngere Menschen, sodass der Begriff des "Alterdiabetes" nicht mehr verwendet werden sollte. Zudem verniedlicht dieser Begriff diese Erkrankung. "Ein bisschen Diabetes" gibt es genauso wenig wie "ein bisschen schwanger"…

Wer bekommt überhaupt Diabetes und warum?

Die Tatsache, dass immer mehr jüngere Menschen an einem Typ 2-Diabetes erkranken, bedeutet logischerweise, dass es für diese chronische Erkrankung Gründe geben muss, die sich beeinflussen lassen. Das Gute ist: Wr kennen diese Gründe (mangelnde Bewegung und falsche Ernährung). Das Dumme ist: Dass dieses Verhalten nicht auf Knopfdruck zu ändern ist und für den Einzelnen einige Disziplin erfordert.

Welche Rolle spielt dieser erbliche Einfluss? Wie lässt sich vorbeugen oder der Ausbruch der Erkrankung verhindern?

Bei Diabetes Typ 1 ist das Erkrankungsrisiko durch Vererbung gering. Die Erbanlage ist nur ein Baustein, es müssen weitere Faktoren hinzu kommen, damit tatsächlich ein Diabetes auftritt. Vorbeugung ist hier nicht möglich. Beim Typ 2 dagegen ist zwar das Risiko einer Erkrankung im Falle einer genetischen Veranlagung relativ hoch. Jedoch kann der Ausbruch der Erkrankung durch Vorbeugung recht zuverlässig verhindert oder zumindest verzögert werden. Schon kleine Änderungen des Lebensstils können das Erkrankungsrisiko erheblich reduzieren.

Welche elementaren Säulen der Prävention gibt es?

Vor allem gilt es, gesünder zu essen und zu trinken. Jede Mahlzeit sollte mit Obst, Gemüse oder Salat begonnen werden. Ein weiterer, ganz entscheidender Punkt ist, mehr Bewegung in den Alltag zu bringen. Wer mehr als eine halbe Stunde Fahrrad fährt oder zu Fuß geht, verringert das Erkrankungsrisiko um 35 Prozent. Dauerhaft aktiv bleiben und dabei realistische Ziele zu setzen ist ein wichtiger Vorsatz.

Was sind weitere Hauptauslöser der Erkrankung? Spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle?

Die Krankheitsentstehung wird durch äußere Risikofaktoren wie Übergewicht, falsche Ernährung, Bewegungsmangel erheblich begünstigt. Außerdem können verschiedene Medikamente, Krankheiten und auch eine Schwangerschaft das Auftreten von Diabetes mellitus begünstigen. Weiterhin erhöhen der Bluthochdruck, Rauchen sowie Alkoholkonsum, ein hoher Harnsäurespiegel und körperliche Inaktivität das Diabetesrisiko. Neben der genetisch bedingten gibt es also durchaus auch eine umweltbedingte Insulinresistenz. Die genauen Entstehungsmechanismen sind jedoch noch nicht endgültig geklärt.

Wie kann ich entdecken, ob ich gefährdet bin?

Hier gibt es sehr gute Risikotests, beispielsweise der sog. "FindRisk-Fragebogen", in dem man sein individuelles Diabetesrisiko sehr gut abschätzen kann. Bei diesem vom Arzt unabhängigen Check lässt sich die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten zehn Jahren an Diabetes Typ 2 zu erkranken, recht genau vorhersehen

Was sind die neuesten Erkenntnisse der modernen Diabetesforschung?

Ein Darmhormon, das GLP-1, hilft, den Blutzuckerspiegel besser zu regulieren. Es regt die Insulinfreisetzung an, hemmt die Magenentleerung und unterdrückt die Freisetzung des Hormons Glukagon, das dem Insulin entgegengesetzt wirkt und den Blutzucker erhöht. Außerdem hat GLP-1 einen appetitdämpfenden Effekt. Diese so genannten Inkretin-Analoga werden zur Behandlung des Typ-2-Diabetes eingesetzt, wenn andere Diabetesmedikamente den Blutzucker nicht ausreichend senken. Ein großer Vorteil dieser Medikamente ist, dass sie nicht zu Unterzuckerungen führen.

Wie flexibel kann ein Diabetiker noch sein – sowohl in Bezug auf seine Mahlzeiten, als auch auf seinen normalen Alltag?

Diabetes ist eine lebenslange Erkrankung. Damit sie gelingen kann, muss jede Form der Therapie auf die individuellen Wünsche und die Situation des Patienten abgestimmt sein. Sie kann nur dann wirkungsvoll sein, wenn die Betroffenen genau wissen, was mit ihnen geschieht. Die Therapie muss also vom Patienten selbst durchgeführt werden und nicht vom Arzt. Der Arzt hilft lediglich dem Patienten bei der Umsetzung. Grundvoraussetzung ist deshalb eine umfassende Schulung für jeden Betroffenen. Nur so kann eine Therapie erfolgreich sein. Ein normaler Alltag ist in der Regel möglich und muss kein Wunschdenken bleiben.

Heutzutage gibt es viele verschiedene Wege der Therapie, die Arzt und Patient einschlagen können. Welcher Weg ist aus Ihrer Sicht der am meisten Erfolg versprechende?

Ganz am Anfang muss eine gesunde und vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung sichergestellt sein. Der Patient muss seinen Diabetes zuallererst emotional und kognitiv akzeptieren. Gemeinsam müssen Arzt und Patient ihre Rollen und auch ihre Verantwortlichkeiten klären. Dann funktioniert auch das individuelle Therapiekonzept. Wenn ein emotionales Wohlbefinden da ist und die Motivation zur Selbstfürsorge und Selbstverantwortlichkeit geweckt werden kann, dann kann Therapie gelingen. Grundvoraussetzung für erfolgreiche Therapie ist der Konsens, dass die Verantwortung für den Erfolg der Behandlung in erster Linie beim Patienten selbst liegt und nicht bei seinem behandelnden Arzt.

Im Programm des Diabetes-Tages ist eine Kochshow vorgesehen – muss das nicht für den an Diabetes erkrankten Feinschmecker wie Hohn klingen oder kann ich als Diabetiker doch noch Genießer bleiben?

In der Tat! Wir werden hier nur leckere Sachen zelebrieren, Gerade ein Diabetiker sollte ein Feinschmecker sein und Genießen können. Ein an Diabetes erkrankter Mensch braucht keine Diabetikerprodukte. Ernährungsempfehlungen sind für den Diabetiker und Nicht-Diabetiker identisch.

Was halten Sie von Diätprodukten – reicht es nicht, sich beim Kochen rein auf diese zu beschränken oder sind sie eine Mogelpackung?

Wir fordern seit Jahren die Abschaffung von Diabetikerlebensmitteln! Diese Verordnung stammt aus den 60er Jahren, ist vollkommen veraltet und zudem noch kontraproduktiv. Denn Diabetikerprodukte enthalten Saccharose, den üblichen Zucker, Fructose, Manit oder Isomalt. Diese süßen nicht so stark und verleiten daher dazu, noch mehr zu essen. Zudem enthalten die Produkte oft mehr Kalorien und Fett als die Produkte aus dem Nicht-Diabetiker-Regal. Bereits aus den 90er Jahren ist bekannt, dass das Problem des Übergewichts nicht der Zucker, sondern der hohe Fettanteil sowie die hohe Kalorienzahl darstellen. Aber mit diesen Produkten lässt sich viel Geld verdienen. Hierzulande beträgt der Jahresumsatz mit den etwa 2.000 Diätlebensmitteln etwa 500 Millionen € wobei 380 Millionen € auf zuckerfreie Getränke entfallen.

Diabetiker dürfen ganz normal essen?

Ja, sie dürfen praktisch alle herkömmlichen Lebensmittel essen. Eine wirkliche Hilfe wäre ihnen dabei eine Kennzeichnung der Verpackung mit einer umfangreichen Nährwerttabelle, die neben Brennwert, Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett auch Angaben zu den Arten von Zuckern und Fetten und den Salzgehalt enthalten. Solche Hilfestellung würde den Betroffenen den Alltag deutlich mehr erleichtern als die rein profitorientierte Produktion von Augenwischereien, die den Erfordernissen gesunder Ernährung kaum standhalten können.

Das Diabeteszentrum des St. Vincenz-Krankenhauses organisiert unter Ihrer Federführung zum vierten Mal den Limburger Diabetestag. In diesem Jahr gibt es neben den herkömmlichen Beschäftigungsprogrammen für die Kleinen mit der sogenannten KinderUni sogar ein spezielles Präventionsprogramm für Kids. Warum sind Ihnen schon die Jüngsten so wichtig?

Kein Kind kommt übergewichtig auf die Welt, sondern viele Kinder sind zu dick, weil sie sich zu wenig bewegen, zu viel fernsehen und am Computer spielen. Es ist ganz wichtig, dass ein gesunder Lebensstil bereits frühzeitig zu Hause, in Kindergärten sowie Vor- und Grundschulen vermittelt wird. Hierdurch kann in vielen Fällen ein Ausbruch der Erkrankung verhindert oder zumindest verzögert werden. Bei der KinderUni können Kinder ab dem Grundschulalter und ihre Eltern erfahren, worauf es bei einer ausgewogenen Kost ankommt. Und ganz praktisch erleben, dass gesund essen und trinken auch tatsächlich lecker sein kann …

Ein weiteres Highlight im Programm des Aktionstages ist der Auftritt eines Diabetiker-Warnhundes…. Welche Rolle können sie im Alltag eines Diabetikers spielen?

Das ist wirklich eine große Besonderheit, die viele gar nicht kennen. Viele Hundebesitzer ahnen nicht, zu welch herausragender Leistung der eigene Familienhund fähig ist. Hunde können Unterzuckerungen wahrnehmen: Im Körper eines Menschen, der unterzuckert ist, finden chemische Prozesse statt, die der Hund im Atem und Schweiß riechen kann. Hierauf wird der Hund trainiert. Die Hauptaufgabe eines Warnhundes besteht also darin, Unterzuckerung (Hypoglykämie) zu erkennen und "seinen" Menschen davor zu warnen. Zusätzlich kann man ihm auch das Apportieren von Gegenständen wie Blutzuckermessgerät und Traubenzucker beibringen. Warnhunde für Diabetiker können sogar speziell installierte Notschalter selbstständig betätigen und so bei einer schweren Unterzuckerung oder einem eventuellen Koma Hilfe organisieren. Auch sind sie in der Lage, Türen zu öffnen. Dies alles werden wir am Aktionstag praktisch demonstrieren: Ein professioneller Hundetrainer, Klaus Hirschmann aus Oberbrechen, wird diese Fähigkeiten dem interessierten Publikum vorstellen. Auf diese eindrucksvolle Demonstration freue ich mich ganz besonders.

Sie kämpfen mit dem Diabetestag für Aufklärung, Prävention und tragen dadurch einen wichtigen Teil dazu bei, dass zahlreiche diabetesbedingte Komplikationen verhindert oder im Frühstadium gestoppt werden. Durchaus ein Beitrag zur Reduzierung der Kosten für das Gesundheitssystem. Gleichzeitig explodieren jedoch nach wie vor die Kosten für die Therapie des Diabetes. Kämpfen Sie gegen Windmühlenflügel? Welche Rolle spielen die Pharmakonzerne? Und wer muss letztlich die Zeche zahlen?

Die Gesamtkosten zur Behandlung des Diabetes Mellitus steigen weiter drastisch. Dies liegt nicht daran, dass die Behandlungskosten für den einzelnen Patienten steigen, sondern vielmehr an der zunehmenden Zahl neudiagnostizierter Diabetiker. Um die erreichten therapeutischen Standards auch langfristig halten zu können, aber auch um die weitere Forschung nicht zu blockieren, ist es unabdingbar, neue innovative Finanzierungsmodelle zu entwickeln. Dies ist nur im Rahmen von integrierten flächendeckenden und städteübergreifenden Versorgungsmodellen möglich. Behalten wir das jetzige System bei, wird der Patient die Zeche bezahlen.

Was ist aus Ihrer Sicht unerlässlich für die Vision einer besseren Zukunft für Menschen mit Diabetes?

Wir stehen vor großen Herausforderungen, für die es bisher noch keine Lösungen gibt. Die Zahl der Neuerkrankungen steigt konstant, pro Jahr nimmt die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes um ca. 300.000 zu. Nicht nur die Vereinten Nationen, sondern auch die Europäische Union (EU) fordern seit 2006 nachdrücklich alle Mitgliedsländer auf, nationale Diabetespläne zu entwickeln. Diese Empfehlung wurde bereits in zahlreichen Mitgliedsländern der EU umgesetzt. In Deutschland bislang noch nicht. Wir benötigen dringend einen längst geforderten Nationalen Aktionsplan (NAP) mit dem Ziel, Prävention, Versorgung und Erforschung in diesen Krankheitsfeldern zu bündeln und voranzutreiben. Die Politik ist gefordert, diesen nun endlich zu initiieren.

***********