„Wer miteinander leben will, muss reden!“
Vortrag zu Krebs und Partnerschaft bei „Brustkrebs bewegt“
Von der Diagnose Brustkrebs ist meistens nicht nur die erkrankte Frau betroffen, sondern auch ihr Partner, ihre Familie. Wie geht man in dieser Situation miteinander um? „Anders als zuvor: Veränderung von Partnerschaft und Sexualität durch eine Krebserkrankung“ war das Thema eines Vortrags von Stefan Zettl, Diplom-Psychologe und Diplom-Biologe an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg im Reha-Zentrum Meuser, Gesundheitszentrum Schafsberg. Zettl gilt insbesondere auf den Gebieten der Psychoonkologie und der Sexualtherapie als Experte. Einfühlsam und in erfrischender Weise ging er auf verschiedene Probleme ein, die eine Krankheit wie Brustkrebs mit sich bringt und traf damit genau den Nerv der Teilnehmerinnen und Zuhörer. Zettl sprach auf Einladung des Brustzentrums St. Vincenz im Rahmen von „Brustkrebs bewegt“, einer Veranstaltungsreihe des Teams um Chefarzt Dr. Peter Scheler.
Stefan Zettl, Diplom-Psychologe und Diplom-Biologe an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, sprach im Reha-Zentrum Meuser über Brustkrebs und die Auswirkungen der Krankheit auf Partner und Familie
Umfragen zufolge ist die Angst der Menschen, an Krebs zu erkranken außerordentlich groß, obwohl die Überlebenschance besser ist als gedacht, konstatierte Zettl. In allererste Linie werde die Krebserkrankung mit Siechtum, Schmerzen, Pflegebedürftigkeit und Tod assoziiert. Demgegenüber sterben jedoch nach wie vor die meisten Menschen infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die österreichische Schriftstellerin Maxie Wander, die selbst an Brustkrebs erkrankt war und 1977 daran verstarb, drückte ihre Angst mit den Worten aus: „An Krebs zu denken ist, als wäre man in einem dunklen Zimmer mit einem Mörder eingesperrt. Man weiß nicht, wo, wie und ob er angreifen wird.“
Zettl analysierte diese Angst: Sie rühre vor allem daher, dass das Wissen und das Können, mit denen wir heutzutage ausgestattet sind, unbrauchbar sind, um eine solche Krankheit zu bewältigen. „Wir wissen, wer Obama ist und wie wir die Straße Auf dem Schafsberg finden, aber wir wissen nicht, was wir tun können, um mit einer solchen Krankheit fertig zu werden.“ Hinzu komme der Kontrollverlust, der den Betroffenen zu schaffen mache. „Der onkologische Patient benötigt mehr als eine qualifizierte medizinische Versorgung. Er braucht auch eine individuelle Krankheitsbewältigungsstrategie.“
Nach der Diagnose erlebten viele Paare eine Sprachlosigkeit. Oft fragten sich Betroffene, wie viel sie dem Partner sagen, was sie ihm zumuten können und wie sehr sie ihn damit belasten würden. Studien zufolge fühlten sich Angehörige emotional mehr belastet als der Patient selbst. Dies gelte auch für andere Krankheiten. Den Grund sieht Zettl darin, dass alle - Ärzte, Pflegepersonal und die verschiedensten Therapeuten - sich um den Patienten kümmern, aber keiner um die Angehörigen. Männer seien obendrein darin gehandikapt, ihre Gefühle mitzuteilen.
Musiktherapeutin Birgit Dahm-Begeré lud die Teilnehmerinnen ein zu einer faszinierenden Klangreise…
Und doch wirke sich eine solche Krankheit wie Brustkrebs auf die Partnerschaft nicht nur negativ aus. „Bei den Auswirkungen der Krankheit auf ihre persönlichen Beziehungen nehmen Brustkrebspatientinnen häufig einen positiven Effekt wahr“, so Zettl. „40 Prozent gaben an, die Beziehung zu ihrem Partner habe sich durch die Krankheit gebessert. Jeweils ein Drittel der Patientinnen sieht die gleiche Tendenz in der Beziehung zu ihren Kindern und zu Freunden.“
Ausführlich ging Zettl auf krankheitsbedingte Probleme in der Sexualität ein. Obgleich das Thema an sich in den Medien permanent präsent ist, sei die persönliche Sexualität aber nach wie vor tabuisiert. Zettl betonte in diesem Kontext ausdrücklich, dass in aller Regel und auch Studien zufolge nicht Sexualität eine Beziehung zusammenhalte. Auf der Liste der Faktoren, die zur Ehezufriedenheit beitragen, stehe eine positive Kommunikation ganz oben. „Wenn man miteinander leben will, muss man miteinander sprechen“, sagte er, „erst recht bei einer Krebserkrankung.“ Wenn sich in der Sexualität etwas ändert, bedeute dies keinesfalls das Ende der Beziehung. Humorvoll und mit viel Fingerspitzengefühl beschrieb der Psychoonkologe, wie Partnerschaften häufig im Alltag funktionieren. Gleichzeitig wirke sich aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild in den letzten 40 Jahren stark zugenommen habe: „Heute verfügen mehr Frauen über mehr Geld, Macht, Möglichkeiten und gesetzliche Rechte denn je zuvor, aber was unser körperliches Selbstwertgefühl betrifft, sind wir womöglich schlechter dran als unsere unemanzipierten Großmütter.“ Die plastische Chirurgie habe heute viele Möglichkeiten, aber „die äußere Reparatur behebt nicht den inneren Schaden“, so der Psychoonkologe und verwies darauf, dass Krankheiten, Gefahren und Krisen neue Möglichkeiten eröffnen könnten, an die man vorher gar nicht gedacht habe. Oft berichteten Patienten, dass die Diagnose ein Einschnitt in ihr Leben war, aus dem sich viele neue Möglichkeiten ergeben haben. Viele hinterfragten durch die Krankheit, was macht krank, was erhält gesund - was ist wirklich wichtig…
Insbesondere die Mobilisierung familiärer Ressourcen spiele eine große Rolle bei der Krankheitsbewältigung. Dazu gehörten Erfahrungen im Umgang mit familiären Krisen, eine nicht-materialistische Orientierung, Flexibilität und Bereitschaft, starre Rollen aufzugeben, Übernahme von Verantwortung von Familienaufgaben durch alle Familienangehörigen, Bereitschaft, persönliche Belange zugunsten von familiären Belangen zurückzustellen. Zettls Fazit: „Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch, das hat schon Paracelsus gesagt.“
Abgerundet wurde der Workshop durch eine Klangreise mit der Musiktherapeutin Birgit Dahm-Begeré aus Diez und einigen Beweglichkeitsübungen mit der Sportpädagogin Katharina Fuchs vom Reha-Zentrum Meuser.
Informationen zur Veranstaltungsreihe des Brustzentrums unter Telefon (0 64 31) 292-44 49.



