Das Gewitter im Gehirn: Hintergründe und Therapiemöglichkeiten, Mechanismen und Auslöser
Epilepsie kann jeden treffen: Forum Gesundheit beschäftigte sich mit einer der häufigsten neurologischen Erkrankungen
Das Gehirn ist eines der faszinierendsten Gebiete des menschlichen Körpers: In jeder Sekunde blitzen Millionen von winzigen elektrischen Entladungen durch die Nervenzellen des Gehirns und übertragen einen ununterbrochenen Strom von Botschaften. Jede Nervenzelle kann mit Hunderten oder sogar Tausenden von anderen Nervenzellen verbunden sein. Eine der gravierendsten Funktionsstörungen des Gehirns ist die Epilepsie. Hierbei bringen unkontrollierte, spontane Entladungen der Nervenzellen einiges durcheinander. Epilepsie – der Kurzschluss im Gehirn" – so lautete das Thema beim letzten Forum Gesundheit, das wieder zahlreiche Interessierte auf den Schafsberg lockte.
Anschaulich erklärte der Chefarzt der Neurologie Dr. Christoph Oberwittler, welche Faktoren einen epileptischen Anfall auslösen können.
Ungefähr jeder zehnte Mensch erleidet irgendwann in seinem Leben einen epileptischen Anfall. Es ist der zweithäufigste Grund, warum Menschen in die neurologische Notaufnahme eines Krankenhauses kommen - bei vielen eine einmalige Episode. Von Epilepsie spricht man dagegen erst, wenn diese Anfälle wiederholt auftreten. Das betrifft etwa ein Prozent der Bevölkerung. "Es ist eine Krankheit im Verborgenen, über die man nicht so locker spricht wie über Schmerzen in Hüfte oder Knie", sagte Dr. Christoph Oberwittler, Chefarzt der Neurologie am St. Vincenz in seinem Vortrag "Epilepsie – der Kurzschluss im Gehirn". Der Neurologe sprach im Rahmen des "Forum Gesundheit", einer Vortragsreihe, die die Kreisvolkshochschule in Kooperation mit dem St. Vincenz Krankenhaus veranstaltet und die von der Nassauischen Neuen Presse als Medienpartner begleitet wird.
Epilepsie, früher auch Fallsucht genannt, ist ein spontan auftretendes Krampfleiden ohne erkennbare Ursache. Betroffene schreien, verkrampfen, fallen um, erleiden Zuckungen, bevor sie völlig erschöpft wieder zur Ruhe kommen – der so genannte "Grand Mal", die Form von Epilepsie, die jeder vor Augen hat, wenn es um diese Erkrankung geht und vor der viele Menschen Angst haben. Der Betroffene selbst hat später keinerlei Erinnerung an das, was geschehen ist. Er merkt lediglich, dass etwas "nicht gestimmt" hat.
Rund 150 Besucher waren wieder zum Forum Gesundheit auf den Schafsberg gekommen, um sich zum Thema Epilepsie zu informieren.
Das Phänomen ist so alt wie die Menschheit. Immer wieder wurde die Erkrankung in der Geschichte der Menschheit als etwas Mysteriöses charakterisiert. Epilepsie ist keine Geisteskrankheit. Vielmehr handelt es sich um eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei reagieren die Nervenzellen mit einem krankhaft übersteigerten elektrochemischen Erregungszustand. Je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, kann es zu Bewusstseinstrübungen, Verwirrungszuständen, Verkrampfungen einzelner Gliedmaßen und unkontrollierten Körperbewegungen kommen.
"Als epileptischen Anfall bezeichnet man die plötzliche, zeitlich begrenzte, rhythmische und gleichzeitige (synchrone) Entladung eines Nervenzellverbandes oder des gesamten Gehirnes", erklärte Dr. Oberwittler. "Von Epilepsie spricht man allerdings erst, wenn wiederholte, zumeist unprovozierte, epileptische Anfälle aufgetreten sind." Die Ursachen seien weitgehend unbekannt. Genetische Einflüsse spielten eine Rolle.
Anschaulich erklärte der Neurologe die Zusammenhänge und Mechanismen im Gehirn, wo erregende und hemmende Synapsen Impulse freisetzen und dadurch für ein bestimmtes Spannungsverhältnis sorgen. Wenn dieses Gleichgewicht durch einen Impuls gestört wird, kommt es zum Anfall, das heißt der Betroffene verkrampft, es kommt zu Bewusstseinsveränderungen, Kribbeln – je nachdem, welche Areale im Gehirn betroffen sind. Und das kann prinzipiell in jedem Gehirn passieren, wenn starke Auslösefaktoren vorhanden sind. Auch der Fieberkrampf bei Kindern sei nichts anderes als ein epileptischer Anfall, so Christoph Oberwittler.
Viele Besucher suchten nach dem Vortrag das Gespräch mit dem Neurologen.
Man unterscheide generalisierte und fokale, das heißt partielle, Anfälle. Generalisierte Anfälle betreffen das gesamte Gehirn, während bei fokalen nur bestimmte Hirnregionen betroffen sind. Anhand von Filmen zeigte der Mediziner verschiedenartige Verläufe von Anfällen, auch einen Fall des "Grand Mal". Ein Mädchen litt unter so genannten Absencen, kleine Anfälle ("Petit Mal"), bei denen sie fünf bis zehn Sekunden lang abwesend war. Sie hatte bis zu hundert Anfälle pro Tag. Ein anderer Patient hatte so genannte Dämmerattacken. Deutlich wurde hierbei insbesondere, dass epileptische Anfälle sich ganz unterschiedlich darstellen können. Gemeinsam ist allen Formen, dass der Patient nicht ansprechbar ist, das Ereignis spontan und ohne erkennbare Ursache auftritt.
Manche Menschen erlebten einen provozierten Anfall. Als Auslösefaktoren kommen in Betracht: Unterzuckerung, Schlafmangel, Alkoholkonsum, Alkohol- oder Medikamentenentzug, Narkoseausleitung, Flickerlicht. Die Diagnose wird mittels Elektroenzephalogramm (EEG) erstellt, die Therapie medikamentös durchgeführt. Bei etwa 70 Prozent der Patienten kann so eine vollständige Anfallsfreiheit erzielt werden, bei den verbleibenden Patienten können die Anfälle deutlich reduziert werden. Die Dosierung müsse vorsichtig erfolgen, da plötzliches Absetzen von Medikamenten ebenfalls einen Anfall provozieren könne. Ausdrücklich wies Dr. Christoph Oberwittler darauf hin, dass jemand, der einen epileptischen Anfall erlitten hat, kein Fahrzeug führen darf. Wie lange dieses Fahrverbot gilt, hängt von der Art des Anfalls ab. Sie reicht von drei Monaten Anfallsfreiheit nach einem einmaligen Ereignis bis hin zu drei Jahren.
Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen
Wenn es zu einem Anfall kommt, sollte man unbedingt darauf achten, dass der Betroffene sich nicht verletzt. Deshalb muss er sofort aus einer eventuellen Gefahrenzone wie Straßenverkehr oder Wasser, gebracht werden. Eine weiche Unterlage schützt den Kopf vor Verletzungen. Keine Gegenstände in den Mund schieben - Verletzungsgefahr! Die den Anfall begleitenden Bewegungen sollten nicht durch Festhalten unterdrückt werden. Wenn der Anfall vorüber ist, sollte man den Betroffenen auf die Seite legen, um die Atemwege frei zu halten. Außerdem sollte man bei ihm bleiben, bis er vollständig erwacht ist. Wenn ein Anfall länger als fünf Minuten dauert oder der Betroffene zwischen einzelnen Anfällen nicht zu sich kommt, muss umgehend der Notarzt gerufen werden.



